Nasse weisse Blusen

#MeToo statt Meteo: Wahrheit-Kolumnistin Regula Fuchs hat gezappt.

Bild: zvg

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Man hätte an diesem Samstagabend auch Gescheiteres unternehmen können, zum Beispiel wieder mal einen Blick in die Gotthelf-Gesamtausgabe werfen oder einen Siphon entstopfen, aber nein, mir stand der Sinn nach einer Tätigkeit mit weniger Tiefgang.

Allerdings, ging es mir durch den Kopf, als ich mich auf dem Sofa zurechtruckelte, war ich eigentlich gerade dabei, einer Kulturtechnik zu frönen, die mittlerweile den exklusiven Status «gefährdet» hat. Schon jetzt ist sie für nicht wenige jüngere Mitmenschen erklärungsbedürftig, in wenigen Jahren wird sie ein Fall fürs Museum sein.

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Jedenfalls: Ich zappte. Ja, ihr jüngeren Mitmenschen, Zappen, das ist so etwas wie Internetsurfen auf dem Fernseher, wobei sich die Surfenden nicht assoziativ zwischen Themen und Angeboten bewegen, sondern auf der Fernbedienung brav die Sender in ihrer numerischen Reihenfolge abklappern, hin und wieder hängenbleiben, beim nächsten Werbeblock weiterschalten und irgendwann, wenn nur noch Damen mittleren Alters auf dem Bildschirm erscheinen, die körperformende Unterwäsche feilbieten, wieder zurück auf Sender Nr. 1 klicken, und das Ganze beginnt von vorne.

So kam es, dass ich bei einem Film mit Eddie Murphy landete. Murphy war eine Art Will Smith der Achtzigerjahre, ein lustiger Schwarzer mit einer sehr hohen deutschen Synchronstimme, dessen Filme sich durch ein sehr hohes Mass an Schwachsinn auszeichneten.

Ich war mitten in eine Abenteuerkomödie geraten, in der Murphy gerade ein paar langhaarige Jungs in Jeans-Outfit vermöbelte, dazu lief in einem Fernseher ein Heavy-Metal-Musikvideo, und bevor man sich fragen konnte, ob es der Musikgeschmack der Jeanstypen oder doch eher ihre Dauerwellen waren, was Murphy derart in Rage versetzte, eilte ihm eine asiatische Schönheit zu Hilfe, die sehr versiert war in den Kampfkünsten.

Sie hielt sich irgendwo fest, schwang ihre Beine und trat einem Gegner dermassen heftig in die Eingeweide, dass dieser hinterrücks nicht nur eine Wand durchbrach, sondern auch eine Wasserleitung, wobei sich der Strahl des geborstenen Rohrs ausgerechnet auf die weisse Bluse der asiatischen Schönheit richtete, und was mit einem hellen Oberteil geschieht, wenn es nass wird, lässt sich leicht denken.

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Man könnte nun meinen, dass in einem solchen Moment alle Sexismus-Alarmglocken aufheulen, aber ich musste einfach nur lachen. Denn das Erstaunliche an dieser Szene war, dass die Transparenz der Bluse keinem der Protagonisten auffiel, ja nicht einmal das Auge der Kamera hielt sich länger dabei auf.

Bei heutigen Filmen oder Serien ist ja für gewöhnlich nichts ohne Zweck, jedes Detail wird von zahllosen Skript-Doktoren passgenau in einen ausgeklügelten Handlungsbogen gehämmert, ohne dass irgendein Plot-Baustein überflüssig wäre.

Aber hier? Nichts dergleichen, die Handlung nahm ihren Lauf, als ob es die nasse Bluse nicht gegeben hätte. Gedacht war sie nämlich einzig und allein für den Zuschauer (die weibliche Form muss hier eher nicht mitgedacht werden), quasi als kleines Amuse-Yeux für all jene Burschen, die 1986 im Kino sassen, dankbar für einen unerwarteten kurzen Blick auf weibliche Rundungen.

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Es hatte fast etwas Rührendes. Aber natürlich auch etwas hoffnungslos Unzeitgemässes, ja Weinsteineskes gar, obschon es bloss die stieläugige Fantasie eines Regisseurs war. Doch wenn die ganze MeToo-Debatte uns eines gelehrt hat, dann, nicht nur die Fiktion als solche zu erkennen, sondern auch den Quatsch als solchen. Legen wir ihn also ad acta und wenden uns Wichtigerem zu. Etwa einem Siphon. Regula Fuchs*

* Die übrigens die Sensibilisierung, die MeToo bewirkt, richtig und wichtig findet, aber doch immer etwas irritiert ist, dass sie jedes Mal, wenn sie beim Wetterbericht von SRF vorbeizappt, nicht «Meteo» liest, sondern «MeToo».

wahrheit.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2018, 07:41 Uhr

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