Monologe in freier Wildbahn

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs weiss, wie man mit Bären spricht.

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Regula Fuchs

Grüessgottwou! Tschou Bäremani! Tag, Herr Mutz! Hallo Petzilein! Bonjour, Monsieur l’ours! Ciao orso! Yo, what’s up, Masta Petzzzz!

Jetzt ist ja wieder einer unterwegs, vielleicht auch bald in Ihrer Nähe, und da wollen wir natürlich nicht unvorbereitet sein. Sollte ihm jemand eines Tages also in freier Wildbahn begegnen, rät der Fachmann Folgendes: «Am besten spricht man den Bären normal an, damit er weiss, dass es sich um einen Menschen handelt», sagt Andreas Ryser, Bärenverantwortlicher bei der Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement (Kora).

Danke, Herr Ryser! Nun müssten wir noch wissen, was es bedeutet, einen Bären «normal» anzusprechen. Ist «Meister Petz» zu förmlich? Oder ist man mit Pelztieren von Anfang an per Du? Welche Art von Charme mögen sie? Oder haben sie es gern ungekünstelt und direkt? Ist «Grrrrrooooaaaarrrrrr» bei der ersten Begegnung zu intim? Himmel! Immer dann, wenn man eine Stilberaterin wirklich braucht, ist gerade keine da.

Wichtig ist jedenfalls, dass man sich als Mensch zu erkennen gibt. Aber was macht denn, aus Bärensicht, einen Menschen aus? Petz hält es offenbar mit Leibniz oder Herder: Es ist die Sprache. So stand es auch in der Medienmitteilung, die der Kanton Bern am Montag nach der Bärensichtung im Eriz verschickte: «Bleiben Sie ruhig stehen und machen Sie mit möglichst natürlichem Reden auf sich aufmerksam.» Erkenntnis Nummer eins: Bären mögen das Gestelzte und Unnatürliche nicht besonders (hätten wir uns eigentlich denken können). Und Erkenntnis Nummer zwei: Im Fall eines Bären-Renkontres ist Reden Gold. Das zeigte sich auch bei den wenigen Angriffen auf Menschen, die es in den letzten zehn Jahren in Europa gab, auf dem Balkan oder in den Karpaten, wo noch grössere Bärenpopulationen zu finden sind. «Die Opfer waren in der Regel allein im Wald unterwegs, meist bei leisen Tätigkeiten wie Pilze- oder Beerensammeln und bei ungünstigen Windverhältnissen», heisst es auf der Website von Kora.

Leise Tätigkeiten im Bärenrevier sind also zu vermeiden, vor allem, wenn der Wind aus der falschen Richtung weht. Entwarnung gibts gemäss Kora allerdings für Wanderer: «Nichts zu befürchten haben andererseits Wanderer auf Wegen, vor allem, wenn sie hörbar und in Gruppen unterwegs sind.» Merke: Das Tackern von Wanderstöcken, das Johlen von Wanderliedern oder das Streiten um die richtige Abzweigung kann unter Umständen Leben retten.

Was aber tun Single-Wanderer, Auge in Auge mit einem wilden Pelzträger? Auch hier hält der Experte eine Lösung bereit: «Notfalls ein Selbstgespräch führen», so Jagdinspektor Niklaus Blatter. Über den geeigneten Inhalt eines solchen Monologs schweigt sich der Fachmann allerdings aus.

Wir haben für Sie darum ein paar Vorschläge zusammengetragen, falls Ihnen vor Aufregung gerade nichts einfällt. Sie könnten zum Beispiel sagen: «Die Anwesenheit eines Bären zeigt doch, dass die Natur in unserer Gemeinde noch fast unberührt ist.» (Daniel Jost, Gemeindepräsident Eriz) Oder aber: «Wir wollen nicht, dass der Bär Dauergast wird.» (Daniel Jost, Gemeindepräsident Eriz) Oder Folgendes, und denken Sie daran, immer möglichst natürlich zu bleiben: «Wer in die Schweiz kommt, hat sich an die hiesige Rechtsordnung zu halten, sich zu integrieren und selbst für seinen Lebensunterhalt aufzukommen.» (Parteiprogramm SVP zur Ausländerpolitik) Nur damit der Bär auch wirklich sicher ist, dass es sich um einen Menschen handelt.

Der Bund

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