Mit Bindi-Schmuck und Zigarette

Das Stück «EF_Femininity» von Marcel Schwald und Chris Leuenberger erörtert das Thema Weiblichkeit auf dem Weg zum Menschsein.

Ein Bild, das die westliche Vorstellung von einer Inderin herausfordert: die 22-jährige Aktivistin und Journalistin Shilok Mukkati.

Ein Bild, das die westliche Vorstellung von einer Inderin herausfordert: die 22-jährige Aktivistin und Journalistin Shilok Mukkati. Bild: Sandeep TK

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Als Buben wollten sie Mädchen sein. Beide: Marcel Schwald und Chris Leuenberger. Heute sind sie erwachsene Männer und bringen mit «EF_Femininity» ein Stück auf die Bühne, das sich mit dem Thema Weiblichsein beschäftigt. Oder besser gesagt: der Vorstellung davon, was das sein soll. Im Kindsalter meinten sie zu wissen, wie ein Mädchen, eine Frau ist oder zu sein hat. Heute sind sie sich da nicht mehr so sicher.

«Gegen das Patriarchat»

Beim Berner Tänzer und Choreografen Chris Leuenberger war das so: Auf dem Bauernhof ist er aufgewachsen, geboren mit zwei linken Händen. Dabei hätte er doch anpacken sollen. Also flüchtete er sich in eine Welt aus Glanz und Glitzer, stellte sich vor, Tennisstar Gabriela Sabatini oder Sängerin Madonna zu sein und führte Interviews mit sich selbst, wie er beim Treffen erzählt. Die Gespräche hat er auf Kassette festgehalten. So ist es möglich, sie für das Stück zu verwenden. «Die Aufnahmen sagen viel darüber aus, was für mich das Frausein bedeutete: eine gute Figur, schönes Haar.» Chris Leuenberger formt mit seinen Händen eine Taille, rückt sich die imaginäre Frisur zurecht. Die Kindergärtnerin vom Dorf hatte verstanden und liess ihn im Theater die Feenkönigin spielen.

Der kleine Marcel Schwald hingegen träumte die dystopische Version des Frauseins: Madonna interessierte ihn vor allem während ihrer Skandalphase von «Open Your Heart». «Für mich war das Weibliche immer eine Proteststrategie gegen das Patriarchat.» Er wollte ein Mädchen sein, ja, aber ein rebellisches. Der Basler ist heute als Autor unterwegs und hat in diversen Formaten das Theater neu gedacht. In der Produktion namens «Kreutzberg» aus dem Jahr 2015, die ebenfalls in Zusammenarbeit mit Chris Leuenberger entstanden ist, haben sie das Biografische erfolgreich mit Tanz vermischt.

Das dritte Geschlecht

Marcel Schwald und Chris Leuenberger vereint «die Faszination für weiblich konnotierte Verhaltensweisen», wie sie sagen. Als Pro Helvetia Chris Leuenberger eine dreimonatige Residenz im südindischen Bangalore ermöglichte, öffnete sich ihm ein noch weiteres Feld: In Indien gibt es ein drittes Geschlecht. Transgender Menschen, die diesem angehören, werden Hijra genannt. Eigentlich hatte er vor, einige von ihnen kennen zu lernen und ein gemeinsames Projekt zu erarbeiten. «Da die Hijra aber oft aus der Unterschicht stammen, sprechen viele von ihnen kein Englisch. So war die Barriere gross, um in dieser kurzen Zeit eine Vertrauensbasis zu schaffen», erzählt er.

Gemeinsam mit Marcel Schwald hat er dann eine Gruppe Frauen kennen gelernt, mit denen sie nun «EF_Femininity» aufführen. Die Journalistin Shilok Mukkati etwa, 22-jährige Aktivistin und Journalistin, die auf dem Werbeplakat zum Stück zu sehen ist – gekleidet in einen schwarzen Sari, mit dem Bindi-Punkt als Schmuck für das Dritte Auge, die Zigarette in der rechten Hand, lässig auf einem Motorrad sitzend. Ein Bild, das die westliche Vorstellung von einer Inderin herausfordert. Mit dabei sind auch die Choreografin Diya Naidu und die Schauspielerin Living Smile Vidya, über deren Geschichte der prämierte Spielfilm «Nanu Avanalla Avalu» (übersetzt «Ich bin kein er. Ich bin eine sie») veröffentlicht wurde.

Vom Gender zum Menschen

Gemeinsam haben sie recherchiert, diskutiert und mit den grossen Fragen jongliert. Ihre Ergebnisse sind in «EF_Femininity» gemündet, einem Stück zu den unbegrenzten Möglichkeiten des Menschseins. «Ist es denn so wichtig, sich binär abzugrenzen?», fragt Marcel Schwald einmal während des Gesprächs. Mit binär meint er zweigeteilt, in ein Entweder Oder, in null oder eins. Und was ist dazwischen? Ein ganzes Universum, wie das Stück aufzeigt. Tanz vermischt sich mit Diskurs, biografisches Tonmaterial mit für das Stück komponierter (Thomas Jeker), «süffiger Musik», wie Schwald verrät.

«Wir starten beim Gender und steuern den einzelnen Menschen an.» Natürlich war das herausfordernd. Chris Leuenberger etwa hat sich mit Effemination auseinandergesetzt, eine vor allem aus der Travestie bekannte Verhaltenskultur: Das Weibliche wird auf zugespitzte, exaltierte Art imitiert. «In einer ersten Version des Stücks hatte ich eine Choreografie entwickelt, die mit diesem Gesten spielt.» Eine Genderspezialistin, die mit Rat und Tat zur Seite gestanden ist, hat ihn gebeten, darauf zu verzichten. «Das fiel mir nicht leicht», sagt Chris Leuenberger. Trotzdem: Die Choreografie wurde gestrichen.

Dafür hat sie Platz gemacht für neue Gesten, Formen und Ideen rund um das Feminine. Also was ist das jetzt eigentlich, «feminin»? Marcel Schwald und Chris Leuenberger bleiben eine ganze Weile stumm. Das ist die konsequenteste aller Antworten. Schliesslich haben sie daran gearbeitet, Geschlechternormen und verfestigte Rollenbilder zu dekonstruieren. Weshalb sollten sie jetzt neue kreieren?

Dampfzentrale Premiere am Do, 5. April, 20 Uhr. 19.30 Uhr: Einführung von Geneva Moser mit dem Titel «Fluid gender journeys in a binary world». Sa, 7. April, 20 Uhr. 19.30 Uhr: Einführung von Geneva Moser und anschliessendes Publikumsgespräch auf Englisch. (Der Bund)

Erstellt: 05.04.2018, 06:53 Uhr

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