Meine Güte, das soll Liebe sein?

Warum ist die Physiotherapeutin unattraktiv? Muss man eine Nymphomanin beneiden? Der 9. «Bund»-Essay-Wettbewerb gibt darauf keine Antwort, strebt aber seinem Höhepunkt zu.

Wo bist du, Werkzeug meiner eigenen Perfektionierung? Der Zwang zur Selbstoptimierung in der Liebe macht alles nur viel komplizierter.

Wo bist du, Werkzeug meiner eigenen Perfektionierung? Der Zwang zur Selbstoptimierung in der Liebe macht alles nur viel komplizierter.

(Bild: Archiv)

Arthur Schnitzler, respektierter Arzt im Wien des Fin de Siècle und als Schriftsteller («Das weite Land») ein scharfsinniger Vermesser der menschlichen Seele, war parallel zu seiner bürgerlichen Existenz auch ein unermüdlicher Erotomane vor dem Herrn. Ihm wird unter anderem der lüsterne Stossseufzer zugeschrieben: «Warum kann man sie nicht alle haben?»

Gemeint sind natürlich nicht die Leckereien in der Konditorei, sondern all die lockenden Vertreterinnen des anderen Geschlechts. Ob diese Frage rhetorischer Natur war, darüber streiten sich noch heute Legionen von Germanisten (sog. Wiener Schnitzler-Kontroverse).

In diesem Zusammenhang möchten wir einmal mehr auf eine aktuelle Studie von Victoria Milan hinweisen. Die jüngsten Erkenntnisse dieser Partnervermittlung für «Menschen in einer festen Partnerschaft» betreffen die Top-10-Fantasien der Schweizer Männer. Auf Platz 1 ist die Arbeitskollegin oder die Vorgesetzte (26 Prozent), gefolgt von der besten Freundin der Partnerin (19 Prozent) und der Nachbarin (15 Prozent).

Eher seitensprungresistent zeigt sich Herr Schweizer gemäss der Studie gegenüber der Schwägerin (4 Prozent), dem Lieblingspornostar (3 Prozent) und der Physiotherapeutin (2 Prozent). Also wenn ich an meine Physiotherapeutin denke . . . Aber das tut hier nichts zur Sache. Wie immer trifft Firmengründer Sigurd Vedal in seiner Analyse den Nagel direkt auf das Geschlechtsorgan, wenn er bemerkt, dass Schweizer Ehemänner nicht von unmöglichen Situationen träumten, «stattdessen sind ihre Vorstellungen realitätsnah».

Sie geniesst ihre Krankheit

Dem Realitätsprinzip unbedingt verpflichtet ist auch Frau Kerstin Scholz. Die gelernte Vertreterin für Pflegeprodukte und Beauty-Accessoires lustwandelt mit ihrem Buch «Warum nur einen lieben, wenn ich alle haben kann?» auf den Pfaden Schnitzlers. Die bekennende Nymphomanin hat ihre Krankheit längst erkannt.

Anstatt sich aber um eine geeignete Therapie zu bemühen, geniesst diese Dame ihre Krankheit in vollen Zügen. Ihre Männer findet sie im Internet, im Swinger-Club oder auf Autoraststätten. Der Riva-Verlag geizt denn auch nicht mit Superlativen: «Kerstin Scholz ist kein Pseudonym. Hier erzählt eine echte Frau echte Geschichten aus ihrem echten Sexleben.» Echt stark.

Eine langweilige Utopie?

Der 9. «Bund»-Essay-Wettbewerb fragte unter dem Titel «All you need is love – oder finden Sie das doof?» unter anderem danach, wie wir mit unserer Sehnsucht nach Bindung umgehen bei gleichzeitiger sexueller Wahlfreiheit und der endlosen Lust nach neuen amourösen Kitzeln. 166 Frauen und Männer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz reichten ihre Essays ein.

Ein Essayist verwirft das romantische Konzept der exklusiven Liebe als Sackgasse, er findet auch wenig Gefallen an einer Überforderung des Partners, der, dem Zwang zur Selbstoptimierung folgend, vom witzigen Kumpel über den fulminanten Sexualpartner bis zum fürsorglichen Seelenverwandten alles bieten müsse. Für diesen Essayisten gibt es nur die Rückkehr zur Vernunftehe oder die Ersetzung von «love» durch «kindness»:

«Das wahrlich Grosse ist die Güte, nicht die Liebe.» Der gütige Blick auf den Partner, der einen die eigenen und fremden Makel eher annehmen lässt: Hätte Arthur Schnitzler dies als langweilige Utopie abgetan? Und die schonungslos offene Kerstin Scholz, würde sie nur den Kopf schütteln und an all die tollen Männer denken, so weit das Auge reicht?

Enden wir vorerst mit einem Essay, in dem ein kühler Rationalist und Zyniker auftritt, dem das Wort «Liebe» wie eine «halbverfaulte Frucht» vorkommt, die ihren klebrigen Sirup auslaufen lasse – «und in diesem Sirup werden wir dann gebadet, bis wir nicht mehr wissen,wer wir sind».

Als Sextourist in Thailand trifft er unvermittelt die grosse Liebe und steht fassungslos vor einem «Abgrund des Glücks». Das Objekt seiner Begierde ist ein Transsexueller mit Penis. Meine Güte, kann das Liebe sein?

9. «Der Bund»-Essay-Preisverleihung, Dampfzentrale Bern, 25. März 2015

Der Bund

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