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Man rief Schmetterlinge, und es kamen Socken

Gabriel Vetter über die Schwierigkeit, Werk und Privatleben von Schriftstellern auseinanderzuhalten.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.
Unser Kolumnist Gabriel Vetter.
Hazel Brugger

In Deutschland wird zurzeit überraschend leidenschaftlich über einen Schriftsteller diskutiert. Nicht über seine Bücher, sondern über politische Aussagen. Der Dresdner Uwe Tellkamp hatte an einem Podium mit Bemerkungen über die deutsche Flüchtlingspolitik für Aufsehen gesorgt. Mal davon abgesehen, wie man zu Tellkamps Ansichten zur deutschen Flüchtlingspolitik steht, kann man konstatieren: Es wird immer kompliziert, wenn sich Schriftsteller jenseits ihres Œuvres der Öffentlichkeit zuwenden.

Wenn also ein berühmter und geschätzter Schriftsteller tout à coup seinen ästhetischen Kokon der Fiktion verlässt; wenn er seinem gülden schimmernden, vom Verlag regelmässig im Schongang gewaschenen, vom Feuilleton nachpolierten und vom Lesepöbel in Raten finanzierten Schlafsack des Geniekults entschlüpft, um plötzlich als Zivilist und Mensch mit all seinen Flapsigkeiten, Widersprüchen und Lächerlichkeiten vor sein Publikum zu treten, dann ist das oft nicht sehr schön. Um gleich den Schwung der Metapher mitzunehmen: Wenn ein Schriftsteller wie Tellkamp den Mund aufmacht, dann erwartet sein Publikum, dass diesem Mund bald bunte, perfekte Schmetterlinge der Argumentation entflögen – und ist dann enttäuscht, wenn gar keine Schmetterlingsengel hervorgetanzt kommen, sondern einfach nur ein paar besoffene Clochards aus den Zahnreihen torkeln. Eben: Es ist eine heikle Sache mit dieser Sprache.

Die Sache mit Tellkamp zeigt, wie gross die Fallhöhe ist bei Künstlern, die sich eben grade durch perfekt durchorchestrierte Wortmeldungen einen Namen gemacht haben. Ein einziger Satz reicht da schon, um ein ganzes Œuvre dem Erdboden gleichzumachen. Wobei es nicht einmal ein Satz sein muss. Ich denke, Schriftsteller unterschätzen die allzerstörerische Kraft, die ihr öffentliches Auftreten als Mensch haben kann. Bei mir zum Beispiel ist Peter Bichsel so ein Fall: Ich verehre seine Texte, ich liebe seine Bücher. Aber leider war in einer «Schweizer Illustrierten» in den Neunzigern mal eine Homestory von Peter Bichsel zu lesen, für welche er sich auf einem Schlafsofa liegend fotografieren liess. In Socken. PETER BICHSEL IN SOCKEN. Ein Bild, das ich leider nicht mehr ungesehen machen kann – und glauben Sie mir, ich täte alles, um das Bild eines Socken tragenden horizontalen Peter Bichsels aus meiner Erinnerung zu tilgen. Seit ich das Foto dieses weiss besockten Bichsels sah, muss ich immer, wenn ich mich an einem Buch von Bichsel erfreue, an seine Füsse denken – genau so, wie ich nun wohl immer, wenn ich etwas von Tellkamp lese (sollte es je dazu kommen), an Ansichten zur Flüchtlingspolitik denken muss.

Ich bin sehr froh, dass es die sozialen Medien erst seit ein paar Jahren gibt. Nicht auszudenken, was das für Auswirkungen gehabt hätte auf die Rezeption der Weltliteratur. Man stelle sich das mal vor: Montaigne mit einem Twitter-Account, Charlotte Brontë auf Facebook oder Shakespeare mit Unboxing-Videos auf Youtube. Goethe und Schiller hätten sich wahrscheinlich in Online-Kommentarspalten der Boulevardpresse über die Billag gestritten; Ingeborg Bachmann hätte in pfiffigen Insta-Storys ihr Essen abfotografiert und hübsch ausgeleuchtete Selfies aus dem Wellness-Weekend an ihre Follower verschickt, während Max Frisch als mürrische Online-Snowflake jeden ihrer Posts sarkastisch kommentierend unterlaufen hätte.

Ich weiss nicht, ob Uwe Tellkamp auf Facebook ist. Ich hoffe es nicht. Für Tellkamp, aber auch für sein Publikum. Denn gerade in der Literatur gilt immer noch: Einer muss immer leiden. Entweder der, ders schreibt – oder der, ders liest.

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