Männerunterhosen im Pool

«Wahrheit»-Kolumnist Daniel Di Falco blickt zurück und fasst den Sommer 2017 mit seinen wichtigsten Ereignissen zusammen.

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Gut, ist es vorbei mit dem Sommer. Von einem Winter lässt sich ja sagen, er sei hart oder streng. Aber richtig hart und wahnsinnig streng war diesmal der Sommer. Zuerst die Kolonisierung des Aareschwimmens durch das Bundesamt für Kultur («immaterielles Kulturerbe»). Dann der Stadtpräsident in Badehosen als Coverboy im «Bärnerbär» («am liebsten mehrmals täglich»). Schliesslich die Verknechtung des Stadtberner Badibeizenpublikums mit Hot Dogs, die so kostspielig waren, dass die Kreditbanken wahrscheinlich schon Filialen in den Schwimmbädern planten.

Aber das war alles noch nichts. Denn dann kamen die Unterhosen, und mit ihnen kamen Sätze in die Öffentlichkeit, die man vorher für so unwahrscheinlich gehalten hätte wie jene Extremereignisse, die doch keinen Zweifel am Kippen des Weltklimas mehr lassen. «Bademeister sollen gegen Unterhosen durchgreifen», hiess einer dieser Sätze, er stand in einem Titel von «20 Minuten», und er war ein Zeichen dafür, dass etwas mit diesem Sommer ernsthaft nicht stimmte. Es war erst Juni, aber er kippte. Und wie es mit den Extremereignissen neuerdings ist: Sie kommen nicht mehr allein.

«Jeden Tag müssen wir Gäste auffordern, ihre Unterhosen auszuziehen. Doch wir können natürlich nicht alles sehen», erklärte auch René Hächler, Bademeister im Freibad Schachen in Aarau. Und ein genau so «scharfes Auge auf Unterhosen» hatte man laut Betriebsleiter Philipp Buchelt auch im Winterthurer Hallen- und Freibad Geiselwald: Wer erwischt werde, müsse in die Kabine und dann nochmals zur Kontrolle zum Bademeister.

Als Patron der Unterhosenhatz fungierte Michel Kunz, Vorsitzender des Schweizer Bademeisterverbands und selber tätig in einem «Hallenbad mit Aussenbereich im Kanton Bern» («20 Minuten»), also in Bolligen (gemäss anderen, präziseren Quellen). «Wenn einer Unterhosen unter der Badehose hat», so Kunz, «weiss man ja nicht, wie lange er die schon trägt.»

Was dann kam, das musste kommen: Man nennt es Debatte. 197 Online-Kommentare bei «20 Minuten», und das in anderthalb Stunden am Morgen des 28. Juni, konnten sich nicht irren: «Ich finde es auch eklig!» (JanaMuus) «Im Fohrbach Zollikon wird auch nichts unternommen.» (Menuzi) «Ich bezahle Eintritt, und die können nicht einmal die einfachsten Regeln durchsetzen?» (Natti) «Dann sollten sich doch auch bitte alle gründlich rasieren! Auch die älteren Mitmenschen.» (K.Ö.) «Geschminkt in die Badi ist noch ekliger als Männerunterhosen.» (Lisbeth) «Ich kenne eine, die ihr Badekleid tagelang anhat, auch zum Schlafen.» (Faules Schwein) «Zudem lässt eine bekannte Ex-Sportlerin ihre Drillinge in normalen Windeln baden.» (Brunli) «Dies wird vor allem von einer Bevölkerungsgruppe praktiziert.» (Dr. Tell) «Deshalb haben wir ein eigenes Pool für unsere Familie.» (Prof. Dr. Weiss) «Wie bitte?! Ins Becken onanieren? Wo ist das?» (Sky) Zudem, doch es war völlig umsonst: «Ich trage FRISCHE Unterhosen unter der Badehose.» (Martin)

Immerhin wissen wir nun, dass an der Unterhose-unter-der-Badehose-Mode wohl nicht allein Justin Bieber schuld ist. Sondern auch das Fehlen von Innenhosen in den heute üblichen, aber eben etwas unpraktischen Shorts. Allerdings war da der Schwimmbadsheriff aus Bolligen bereits auf Touren mit einem neuen Problem und der Sommer auf dem Weg in den Eimer: «Todesgefahr für Kleinkinder» («Aargauer Zeitung»), «Der Bademeisterverband schlägt Alarm» (Newsnet), «Statt sich um ihren Nachwuchs zu kümmern, starren viele Eltern in ihr Handy» («Blick»), «Was halten Sie von einem Handyverbot?» («Migros-Magazin»).

«Es braucht Kinder- und Erwachsenenschutz, Schutz vor Spannern oder Fake-News», so die Antwort einer ansonsten bestimmt unbescholtenen 49-jährigen Mutter aus Zürich. Sie hatte ja recht. Denn der Verband Hallen- und Freibäder (VHF) hatte die Nation noch an einer dritten Front mobilisiert: «Schweizer Badis sagen Spannern den Kampf an.» (Newsnet). Zumal, so die Vertreterin des VHF: «Es soll sich niemand plötzlich im Bikini auf Facebook entdecken.» Die Debatte: 596 Online-Kommentare bei «20 Minuten».

Die Griechen und Römer hätten zum Meer hin gelebt, berichtet der englische Historiker Eric Chaline in seinem neuen Buch über die Weltgeschichte des Schwimmens («Strokes of Genius»). Die Wüstenreligionen dagegen, Juden- und Christentum genau wie der Islam, hätten sich schwer getan mit dem Baden. Es habe die Aufklärung gebraucht, um die Leute aus dem Korsett von Kirchenmoral und Aberglaube zu befreien und das Baden zum Freizeitspass zu machen.

Die Daueraufregung im Sommer 2017 zeigt allerdings auch: So lange kann das gar nicht her sein. Wer die Schweiz aus dem Häuschen bringen will, der macht das am besten vom Schwimmbad aus. Eine Unterhose genügt, schon geht erst das Abendland und dann der Sommer im Planschbecken unter. Und vom Burkini haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2017, 06:49 Uhr

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