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Leuchtgelbes Rampenlicht

Stabilo bewirbt seinen berühmten Marker mit drei vergessenen Frauen der Geschichte. Dahinter steckt Kalkül. Eine wichtige Geste ist die Kampagne dennoch.

Wurde 2015 mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet: Johnson mit US-Präsident Barack Obama.
Wurde 2015 mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet: Johnson mit US-Präsident Barack Obama.
Reuters
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Ohne den giftgelben Leuchtstiftstrich sähe man Katherine Johnson auf dem Schwarzweissfoto tatsächlich nicht. Hinten, in der vierten Reihe des Nasa-Kontrollzentrums findet man die Mathematikerin afroamerikanischer Abstammung. Damals, 1969, als sich der Mondflug mit der Apollo 11 wieder auf den Weg zur Erde macht. Hinten, ganz klein, zwischen all den Männern steht sie. Dabei war sie es gewesen, welche die Flugbahnen für Apollo 11 berechnet hatte.

Markiert wurde Katherine Johnson von Schwan-Stabilo; der deutsche Schreibwarenhersteller wirbt mit ihr und zwei weiteren Frauen, welche die Geschichte vergessen hatte, für seine Leuchtstifte. «Highlight the remarkable» heisst die Kampagne - hebe das Beachtenswerte hervor. Ebenfalls hervorgehoben hat Stabilo: Edith Wilson, Gattin von US-Präsident Woodrow Wilson. Und Lise Meitner, österreichische Kernphysikerin. Wilson führte eineinhalb Jahre lang die Amtsgeschäfte ihres Mannes, nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte. Meitner erklärte als Erste die Kernspaltung physikalisch-theoretisch.

Kampagne trifft den Nerv der Zeit

Gut zwei Milliarden Stabilo Boss wurden seit der Erfindung des Leuchtstifts 1971 schon verkauft, so der Hersteller. Was die Menschheit mit den ikonischen Markern alles einfärbt: Abfahrtszeiten auf Zugbilletten, Bibelstellen, Textpassagen im Medizinbuch, Telefonnummern in der Agenda. Für einmal nun bringt der Leuchtstift nicht Hierarchie in Alltägliches, sondern wirft sein leuchtgelbes Rampenlicht auf Frauen, die trotz grosser Leistungen übersehen wurden.

Zweifelsohne ist der Gedanke dieser Werbung ein schöner. Auch wenn hinter der Kampagne natürlich Kalkül steckt, trifft sie doch den Nerv der Zeit. Chancen- und Lohngleichheit der Geschlechter und männliche Dominanz – das sind die Themen der Stunde. Auch in der Populärkultur. Hollywood verfilmte die Geschichte der vergessenen Mathematikerin Johnson mit «Hidden Figures». Mattel versucht das veraltete Geschlechterbild der Barbie mit der Serie «Inspirierende Frauen» geradezubiegen. Auch hier findet man Katherine Johnson. Und die BBC schliesslich widmete Dok-Filme den vergessenen Frauen des Zweiten Weltkriegs: die wagemutigen Testpilotinnen der Royal Air Force und die furchtlosen Agentinnen der SOE (Special Operations Executive). Letztere setzten in den besetzten Gebieten Europas während Spionagemissionen ihr Leben aufs Spiel – dagegen sind James Bonds Einsätze reine Sonntagsausflüge.

Werbe-Sexismus hält sich hartnäckig

Bemerkenswert ist die Stabilo-Werbung auch, weil sie einen Kontrapunkt setzt in einer Industrie, in der Sexismus hartnäckig alltäglich bleibt. Zuletzt etwa sorgte im deutschsprachigen Raum eine WM-Kampagne von Dr. Oetker für Diskussionen: Die Frau hatte man in die Küche abkommandiert, schliesslich ist es ihr Job, den Fussball schauenden Mann «glücklich zu backen».

Und als Stabilo vor einigen Jahren mit Neon eine spezifisch «feminine» Produktlinie auf den Markt brachte, liess der Protest gegen das Gender-Marketing nicht lange auf sich warten. Ja, auch der Leuchtstifthersteller ist nicht ohne Fleck im Zeugnis.

Klar ist: Wie Hollywood liebt auch die Werbung Heldengeschichten. Und dazu taugen die Biografien von Johnson, Wilson und Meitner ausgezeichnet. Aber solche Heldinnen nehmen wir noch so gerne an.

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