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Er therapierte unsere Demokratien

Der Basler Publizist und Psychotherapeut Carlo Strenger ist überraschend verstorben. Er hielt den «Eliten» den Spiegel vor und kämpfte leidenschaftlich für den Rechtsstaat.

Die Zurufe des scharfen Analytikers werden fehlen: Carlo Strenger. (Foto: Rami Zarnegar)
Die Zurufe des scharfen Analytikers werden fehlen: Carlo Strenger. (Foto: Rami Zarnegar)

Die Schweiz hat wenige öffentlich wahrnehmbare Intellektuelle, die sich als unabhängige Denker in den grossen politischen Debatten auch mal mit einem überraschenden Argument zu Wort melden. Je nachdem, wie streng man im Urteil ist, braucht man eine Hand oder zwei, um sie aufzuzählen. Seit Freitagabend ist diese kurze Liste noch kürzer. Der Suhrkamp-Verlag gab bekannt, dass der schweizerisch-israelische Publizist Carlo Strenger, Professor für Psychologie und Philosophie, völlig überraschend im Alter von 61 Jahren in Tel Aviv verstorben ist. Carlo Strenger war in Basel geboren, hatte in Zürich Psychologie und Philosophie studiert und blieb hier auch Mitglied im Daseinsanalytischen Seminar, nachdem er in den 90er-Jahren nach Tel Aviv ausgewandert war. Dort hatte man ihm nach dem Doktorat eine Professur angeboten, daneben führte er eine Praxis als Psychotherapeut. Strenger gewann so den kritischen Blick von aussen auf die Schweiz und den therapiebedürftigen Menschen, von innen auf Israel und die globalisierte Welt. Und er mischte sich als Kolumnist in die aktuellen Debatten ein.

Seine Kolumnen für die «Neue Zürcher Zeitung», den britischen «Guardian» und die israelische «Haaretz» gingen den grossen Fragen der Globalisierung und Spaltung der Gesellschaft nach. Kein Zufall, dass dieser Schweizer mit dem weiten Radar mehr Beachtung im Ausland fand als in der Schweiz. Seine Texte erschienen in verschiedenen Bänden zur politischen Aktualität im Suhrkamp-Verlag, in der Schweiz war es schon schwierig, für einen Auftritt mit ihm einen Veranstalter für einen grossen Saal zu finden. Dabei hielten Strengers Botschaften zahlreiche versteckte Weisheiten auch für die Schweiz bereit, wie sich etwa im grossen Jahresendgespräch 2016 mit dem «Tages-Anzeiger» zeigte. Strenger forderte unter dem Eindruck der islamistischen Terrorattacken den Westen auf, seine Mechanismen zur Selbstkasteiung aufzugeben und mit ihnen auch jene politische Korrektheit, die es – falsch verstanden – verbot, Kulturen wie den fundamentalistischen Islam zu kritisieren.

Strenger war ein scharfer Kritiker der israelischen Besatzung im Westjordanland und des Siedlungsbaus. Aber er trat auch dagegen auf, wenn Israel einseitig verurteilt wurde.

Sein Hauptthema blieb Israel. Strenger war in einem orthodoxen jüdischen Elternhaus aufgewachsen und erlebte, wie sich sein Wunschexil unter dem Druck der äusseren Bedrohung und der Konservativen von einer Utopie zu einem ganz gewöhnlichen ethnischen Staat mit religiöser Prägung wandelte. Seine eigene Wandlung zum säkularen Atheisten beschrieb er einmal als die prägendste Erfahrung seines Lebens.

Er selber war ein Kosmopolit und jener Homo globalis, den er in den Büchern «The Designed Self» und «Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit» beschrieben hatte. In seinen Studien ging er der Frage nach, wie Menschen, die in einer globalisierten Realität aufwachsen, mehr durch Medien als durch Traditionen beeinflusst werden – und welche Auswirkungen dies auf die Gesellschaft hat. Strenger blieb selbstkritisch und hielt nicht nur anderen, sondern auch sich selber den Spiegel vor.

Kampf und Vermächtnis

In seinem Buch «Israel: Einführung in ein schwieriges Land» und in vielen seiner Kolumnen widmete er sich dem Nahost-Konflikt. Wie viele Linke war auch Strenger ein scharfer Kritiker der israelischen Besatzung im Westjordanland und des Siedlungsbaus. Aber er trat auch dagegen auf, wenn Israel einseitig verurteilt wurde. Zunehmend pessimistischer wurde er, was die Realisierung einer Zweistaatenlösung betrifft. Er machte sich auch Sorgen um die Demokratie in Israel, die er durch die Angriffe von Israels Premierminister Benjamin Netanyahu auf den Rechtsstaat gefährdet sah. Den zunehmenden Einfluss der ultraorthodoxen und nationalistischen Kräfte machte er dafür verantwortlich, dass sich die Gesellschaft in seiner zweiten Heimat immer mehr verändert.

Auch gegenüber seiner Heimat blieb er kritisch. Schliesslich hatte die Schweiz mit den simplen, aber lange erfolgreichen Reflexen der Blocherschen SVP gegen EU, Grüne und was sich sonst noch als sogenannte Elite intellektuell nicht auf einer Linie bewegte, in den frühen 90er-Jahren die Blaupause für ähnliche Bewegungen und Parteien in Europa und Israel geschaffen. Das war nur um den Preis des Populismus zu haben und stellte die Frage, wie die diffamierte «Elite» nun ihrerseits mit den Simplifizierern umgehen sollte. Carlo Strenger empfahl «zivilisierte Verachtung», das bedeutet, deren irrationale, unmoralische oder unmenschliche Grundwerte zu verachten, nicht aber die Simplifizierer selber, und im drohenden Hass die Errungenschaften der Zivilisation wie Anstand und aufmerksames Zuhören nicht aufzugeben. Ein gutes Rezept auch für Deutschland, wo die Parteien ausserhalb der AfD seit Jahren darüber diskutieren, wie sie mit dieser neuen Konkurrentin innerhalb und ausserhalb des Bundestags umgehen sollen. Strenger widmete diesen «verdammten liberalen Eliten», denen er sich selber zugehörig fühlte, im vergangenen Mai sein letztes Buch.

«Wenn man alles behaupten kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, macht das die Demokratie kaputt»

Carlo Strenger

Unaufgeregt sprach Sprenger auch über die Gefahr eines neuen Totalitarismus, der dem Populismus innewohnt, auch dem linken. Schon bei Donald Trumps erstem Wahlkampf wurde es ihm schwarz vor Augen, und die Kampagne der Brexit-Befürworter war ihm schon in den Anfängen nicht geheuer: «Wenn man alles behaupten kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, macht das die Demokratie kaputt», sagte er 2016 gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Und empfahl angesichts dieser Bedrohung selbst als Liberaler eine stärkere Regulierung der Demokratie. Schliesslich ging es um die Frage, die er in seiner letzten Kolumne für die NZZ 2019 stellte: «Können Demokraten zynische Staatschefs stoppen?» Strenger bezog sich auf «die Dramen» in den USA, in Grossbritannien und Israel. Wie ein guter Therapeut versuchte er, stets Positives zu finden und wachzurütteln. Die Doppelbegabung als Philosoph und Psychoanalytiker und seine Erfahrung als Grenzgänger zwischen den Kulturen machten diesen Denker ähnlich anregend wie Peter Sloterdijk.

Strengers Fazit: «Vielleicht wird sich also noch ein Kern dessen, was einmal ‹die freie Welt› genannt wurde, bewahren. Aber dies wird nur der Fall sein, wenn die Bürger diese liberale Ordnung nicht als garantiert ansehen und bereit sind, gegen totalitäre Tendenzen mit allen legalen Mitteln zu kämpfen.» Sicher war er folglich nicht, und auch wir dürfen es nicht sein. Die liberale Demokratie, ihre Medienfreiheit und Gewaltenteilung sind in den vergangenen Jahren stark unter Druck geraten, auch in Ländern wie Grossbritannien und Spanien, wo man es nicht erwartet hatte. Die Schweiz mag als Wohlstandsinsel noch eine Ausnahme sein. Strengers Vermächtnis, Demokratie und Rechtsstaat nicht für gesichert zu halten, soll aber auch hier eine wichtige Mahnung sein. Die Zurufe des scharfen Analytikers werden fehlen.

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