Kriminelle Energie

Sie wollen wissen, wie sich ein Gentleman-Gangster von Robin Hood unterscheidet?

hero image

(Bild: zvg)

Kürzlich habe ich es wieder einmal getan und meiner kriminellen Energie freien Auslauf gegeben: Ich hatte massiven Harndrang und schlüpfte im Bahnhof einer grösseren Stadt im Bezahl-WC mit der mir eigenen Geschmeidigkeit unter der Schranke hindurch. Damit setzte ich ein deutliches Zeichen gegen diese unsägliche Kommerzialisierung eines menschlichen Primärbedürfnisses, gegen eine infame Knechtung, die uns dazu zwingt, die Reproduktion unserer Arbeitskraft noch bei den Körperausscheidungen zu finanzieren.

Ich hätte mich auch für das Wildpinkeln in einer dunklen, von Videokameras nicht einzusehenden Ecke des Gebäudes entscheiden können, aber ich zog es vor, mich dem Aggressor direkt, sozusagen mit offenem Hosenladen zu stellen. Machen mich diese kleinen Akte der Insubordination bereits zum Rebellen – oder eher doch zum Schmarotzer?

Eines ist klar: Es scheint eine tief verwurzelte Bereitschaft im Menschen zu geben, besonders in Krisenzeiten einem bestimmten Typus von Gesetzesbrecher noble Beweggründe zu attestieren und die illegalen Handlungen dieses modernen Robin Hood als Akt legitimer Notwehr gegen grassierende Ungerechtigkeit zu entschuldigen. Von diesem Typus zu unterscheiden ist allerdings der Gentleman-Gangster, den wir als «Künstler» für die Brillanz bei der Planung und die Eleganz bei der Durchführung eines Coups bewundern.

***

Nun wollen wir den Ball flach halten. Ich behaupte nicht, dass mich mein Pinkelprotest bereits zum Robin Hood oder zu einem Gentleman-Gangster à la Arsène Lupin macht. Kennt heute jemand noch den fiktiven Meisterdieb Arsène Lupin? Der Autor Maurice Leblanc ersann die Version eines Gentleman-Gauners, der zum Prototyp werden sollte für kriminelle Energie mit Stil und Witz. Sogar der Philosoph Jean-Paul Sartre gab unumwunden zu, er habe Lupin vergöttert.

Auffallend ist, dass Arsène Lupin heute vor allem als Velofahrer unterwegs ist; vielleicht nicht mehr mit der Raffinesse des mondänen Monokelträgers, dafür mit einer äusserst selbstbewussten anarchischen Haltung. Jetzt reagiert die Politik auf diese Saubannerzüge auf zwei Rädern: In der Frühjahrssession unterzeichneten siebzig bürgerliche Nationalräte einen Vorstoss ihres FDP-Kollegen Hans-Peter Portmann, der die Gleichbehandlung aller Benützer von Verkehrsmitteln bei Verletzung der Verkehrsregeln fordert. Der Hintergrund: Velofahrer foutieren sich oft um Verkehrsregeln. Besonders stossend findet der FDP-Nationalrat, dass Velofahrer bei gleichen Vergehen viel tiefere Bussen bezahlen müssen.

Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie gaben 80 Prozent der Befragten an, teils auf dem Trottoir zu fahren. Rund die Hälfte setzt sich auch unter Alkoholeinfluss aufs Fahrrad. Systematische Kontrollen können die Ordnungshüter aus Ressourcengründen kaum durchführen. Wenn sie es aber tun, dann winkt fette Beute. Im vergangenen November büsste die Polizei in Winterthur innerhalb von 90 Minuten 73 der 178 kontrollierten Velofahrer.

***

Kürzlich überraschte mich ein Bekannter, der sich eines tadellosen Rufs erfreut, mit einem Bekenntnis zu seiner immensen kriminellen Energie. Sachlich rechnete er mir vor, dass er der Staatskasse rund drei Millionen Franken schulde. Zumindest theoretisch. Seit vierzig Jahren ist er regelmässig mit dem Velo unterwegs und hat sich in diesem Zeitraum unzähliger Vergehen schuldig gemacht, die nie geahndet wurden.

Er fährt in der Fussgängerzone und missachtet Rotlichter, er ist auf Busstreifen unterwegs und überfährt Sicherheitslinien, er fährt auf dem Trottoir und lässt immer wieder die Lenkvorrichtung los. Erst wenn die Busseneinnahmen zweckgebunden verwendet würden, sagt mein Bekannter, käme für ihn gesetzeskonformes Velofahren in Frage. Er denkt dabei an die Erhöhung der Sicherheit auf den Strassen für die verletzlichsten Verkehrsteilnehmer – also auch für die Velofahrer. Wenn das nicht eine clevere Strategie ist. Er ist für mich der Arsène Lupin auf einem Drahtesel.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt