Klassenlose Paradiese

Im Flughafen von Doha wacht ein sieben Meter grosser Teddybär über künftige Zwangsarbeiter.

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Die Königsfamilie von Qatar meint es gut mit einem. Und ihre Fürsorge hat sie sich auch was kosten lassen. Im neuen Flughafen von Doha, der Hauptstadt des Minikönigreichs am arabischen Golf, hockt ein riesiger Teddybär. Gut sieben Meter gross ist er, schmutziggelb das Fell, so wie halt Teddybären, die zu sehr geliebt werden, altern. Allerdings ist der Bär fast 20 Tonnen schwer, und so weich und abgelutscht er aussieht, so massiv und teuer ist sein Innenleben. Nicht etwa Kunststoff, sondern viel Kupfer und Gips wurden da verwendet.

Sein Schöpfer, der Schweizer Künstler Urs Fischer, hat ihm ein langes Leben verordnet. Für fast sieben Millionen Dollar hat sich die Königsfamilie vor zwei Jahren den drolligen Kerl ersteigert, der unter einer alten schwarzen Tischlampe haust und mit seinen Knopfaugen ein wenig müde die Leute betrachtet, die ihn nonstop fotografieren. Die Installation im Herzen des Flughafens hat eine Mission: Sie soll einem mit der Erinnerung an Kindheit und lieb gewonnene Dinge den Jetlag angenehmer machen. Aber eigentlich deponierte die Königsfamilie den «Lamp Bear» dort, weil sie keinen Platz mehr für ihn in ihrer Kunstsammlung hatte, die zu den wertvollsten der Welt gehört.

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Der Bär selber kommt ohne Beipackzettel aus. Er überwältigt einen einfach mit seiner selbstverständlichen Präsenz und sorgt für aufregende Exkursionen in die eigenen Katakomben. Je länger man vor ihm steht, desto neugieriger wird aber auch der Blick auf all die anderen faszinierten Betrachter. Sie sind so zahlreich, dass sie auch um drei Uhr nachts Mühe haben, ein Selfie allein mit dem Bären zu machen.

Und da sind sie wieder, mitten im Selfie-Völklein, die jungen, dunklen, drahtigen Männer aus Nepal. Sie füllen ganze Flugzeuge nach Doha. Am Flughafen von Kathmandu fallen sie auf, weil sie alle ein grosses Kuvert mit Röntgenbildern und Arztattesten bei sich haben, die sie vor dem Einchecken aufgeregt vergleichen. So wichtig wie Ticket und Visum sind diese Papiere. Nur wer nachweisbar gesund ist, bekommt in Doha Arbeit auf einer der vielen Baustellen, wo das Wasser so knapp ist wie die Luft heiss und weder Arbeitszeit noch Lohn mit den Angaben im Vertrag übereinstimmen.

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Aber noch sind sie nicht auf den Baustellen für die Fussball-WM 2020, die Zwangsarbeiter der globalisierten Welt, noch sind sie im klimatisierten, klassenlosen Niemandsland des Luxus, wo die Läden mit den grossen Namen keine Türen haben und allen offen stehen. Rolex, Harrods, Chanel oder Bally – niemand verwehrt den nepalesischen Arbeitern den Zugang. Auch im Laden mit den geschätzten 300 Sonnenbrillen-Modellen lässt man sie gewähren. Sie probieren viele an, und zwar immer so, dass man das Preisschildchen nicht sieht. Wegen des Selfie. Er will hundertfach dokumentiert werden, dieser kurze Aufenthalt im Paradies, das sich hinter dem Exit-Schild auflösen wird wie eine Fata Morgana.

Doch noch gehören sie dazu, sind potenzielle Kunden von Caviar House oder Armani Baby. Das WC-Papier in den Toiletten ist samtweich und auch für sie gedacht. Frisches Trinkwasser hat es genug, auf Knopfdruck sprudeln überall kleine Brunnen. Noch meint die Königsfamilie es gut mit den Ankömmlingen. Und nach der Vertreibung aus dem Paradies, in der Hitze der überfüllten Schlafbaracken, wird das Selfie mit dem Teddybären sie von einer Kindheit träumen lassen, wo es nie Stofftiere gab.

Der Bund

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