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Jedem Körper seinen Klon

Wenn Fühl-Bilder Denk-Impulse setzen: Gast-Choreograf Etienne Béchard lässt mit «Post Anima» die Tanzcompagnie Konzert Theater Bern in der Vidmar brillieren.

Von Pirouetten im Schrägflug bis zu horizontalen Flachsprüngen: Die Körpersprache von Etienne Béchard lotet die Grenzen des Möglichen aus
Von Pirouetten im Schrägflug bis zu horizontalen Flachsprüngen: Die Körpersprache von Etienne Béchard lotet die Grenzen des Möglichen aus
zvg/Philipp Zinniker

So viel hochkarätige Bewegungsdynamik, so viel stille Poesie und tänzerischen Witz wie in «Post Anima» haben die fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer von Konzert Theater Bern lange nicht gezeigt. Das überrascht: Ist das bewegungstechnisch anspruchsvolle Stück doch erst die zweite Choreografie, die der französische Choreograf Etienne Béchard kreiert hat.

Uraufgeführt hat er das Werk 2014 mit seiner Compagnie in Brüssel. Da diese aber bloss fünf Leute zählt, musste er das Stück für die Berner Compagnie umarbeiten. Das Resultat überzeugt: Der Mix aus zeitgenössischem Tanz, Artistik, Neoklassik und Live-Kamera funktioniert auch in grosser Besetzung.

Flachsprünge, Körperfächer

Selbstverständlich ist das nicht. Béchards Körpersprache ist energetisch aufgeladen und lotet Grenzen des Möglichen aus. Etwa in Pirouetten im Schrägflug, horizontalen Flachsprüngen, Überschlägen und kinetischen Ganzkörperfächern, solches hat man hier noch nie gesehen. Und die Tänzerinnen und Tänzer halten mit – chapeau!

Dass da einer am Werk ist, der selber Tänzer ist und brennt vor Ideen, ist offensichtlich. Béchard scheint über ein intuitives Gespür zu verfügen, wie er die individuellen Stärken des Berner Ensembles fordern und einsetzen kann. Das ist ein Talent, das man an keiner Schule lernt. Entwickelt sich da ein neuer moderner Maurice Béjart heran? Dass Béchards Name fast gleich tönt wie der des 1999 verstorbenen Meisters, der ihn geprägt hat, während er in dessen Ballett mehrere Jahre getanzt hat, ist jedenfalls ein netter Zufall.

Auch wenn «Post Anima» eine kaleidoskopische Umsetzung in abstrakten Bildern ist, verliert Béchard den dramaturgischen Spannungsbogen nie. Mit einem Kunstgriff lässt er im pessimistischen Ende den Anfang wieder aufscheinen. Ein lebloser Mensch wird von unsichtbarer Hand in die Dunkelheit gezogen. Seine Körperhülle ist bereit zum Tunen, Recyclen oder Reproduzieren. Jedem Körper seinen Klon: Das ist vielleicht bald keine Fiktion mehr. Es ist kein einfaches Thema, das sich Béchard vorgenommen hat. Mit tänzerischen Mitteln reflektiert er die Folgen einer technisierten Welt.

Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen: An Herzschrittmacher, Prothesen oder Kabel im Ohr hat man sich längst gewöhnt. Doch wie steht es mit Robotern in Menschengestalt, die Gefühle simulieren? Oder mit den Möglichkeiten der Neuerfindung der menschlichen Natur? Gibt es einen Ausweg aus der Matrix der totalen Abhängigkeit?

Spannend: Die Themen, in denen es um Utopien von Körpern geht, haben im Tanz eine längere Tradition, als viele annehmen. Bereits die mechanische Puppe Coppélia aus dem gleichnamigen Ballett von Leo Delibes machte 1870 einen Anfang. Und seit die Berner Tanztage um die Jahrtausendwende Künstler wie den australischen Performer Stelarc mit seinem spinnenartigen Laufroboter Exoskeleton oder Yann Marussich programmierten, der das Publikum an seinem Blutkreislauf teilhaben liess, ist man in Bern für neuste Körperentwicklungen sensibilisiert.

Etienne Béchard sucht keine Extreme. «Post Anima» ist in der tänzerischen Ästhetik zugänglich. Aber auch sein Stück stellt Fragen, indem es den Fortschritt weiterdenkt in die Fiktion. Die Klarheit, mit der er das tut, ist beeindruckend.

Menschsein ohne Menschlichkeit

«Post Anima» erzählt in starken Körperbildern vom Verlust der Selbstbestimmung, vom Menschsein ohne Menschlichkeit. Das Stück gibt Denk-Impulse durch Fühl-Bilder in Kippmomenten. Faszinierend ist nicht nur die Dynamik, sondern auch die Präzisionsarbeit, welche die Tanzenden zeigen. Etwa, wenn sie sich an den Fusssohlen zu einem einzigen künstlichen Rollkörper verbinden, Wagenräder aus aufrechten Leibern bauen. Oder in Schattenprojektionen ihre Köpfe als kinetisches Kugelstoss-Spiel aufleuchten lassen.

Das synchron geführte Ensemble versprüht eine bedrohliche Kraft, die Duette und Soli dagegen berühren durch Subtilität und zärtliche Nähe. Anregend sind die Leerstellen, die Béchard einbaut, dadurch halten sich Aktivität und Poesie die Waage.

Die Licht- und holzschnittartigen Schattenspiele (Denis Waldvogel) regen die Fantasie ebenso an wie die Trikots (Emma Paris) in Schwarz und Beige, die je nach Kontext mehr die Maschine oder den Menschen betonen. Die Musik-Collage reicht von Schubert, Mozart und Vivaldi bis zu elektronischen Klängen von Jean Ferrat und Cristobal Tapia De Veer.

Gewisse Feinjustierungen liessen sich da noch machen. So ist etwa der Chor in Mozarts «Lacrimosa» viel zu laut. Der frontale Scheinwerfer, in dessen Lichtstrahl sich die Schatten wie unter einer Brutlampe teilen, blendet. Und die Flimmervideos, die minutenlang durch einzelne Szenen knistern, sind in Breitleinwand zu aufdringlich. Allerdings vermögen diese Einwände dem positiven Gesamteindruck nichts anzuhaben.

Wie Béchard mit einfachsten Mitteln verblüffende Illusionen kreiert, ist grossartig. Zum Beispiel mit einer Live-Kamera, die suggestive Bilder von halsbrecherischen Seiltänzen projiziert, während sich die Tänzerinnen und Tänzer samt Hochseil gefahrlos auf dem Boden räkeln. Das Timing ist perfekt, die Wirkung berauschend. Möge er wiederkommen, der junge Choreograf und Hoffnungsträger. Samt neuen tänzerischen Ideen.

Weitere Vorstellungen bis 2. April. www.konzerttheaterbern.ch

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