Japans grösster Musikexport

Sie fiepen, zirpen, flirren: Soundtracks von Videospielen. Eine Webserie widmet sich den unverkennbaren Klängen.

Auch sein Sound besticht durch Einfachheit: Ein 8-Bit-Game.

Auch sein Sound besticht durch Einfachheit: Ein 8-Bit-Game.

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Die zierliche Frau blättert in ihrem Notizblock. Häuschenpapier, darauf krakelige Muster, wellenförmiges Gekritzel. Es sind Musiknotationen, ganze Partituren. Aber nicht für ein Orchester, nicht einmal für ein richtiges Instrument.

Die Frau mit dem Block heisst Junko Ozawa und ist Komponistin von Soundtracks für Videogames. Seit den frühen Achtzigerjahren, der Zeit der grosspixeligen 8-Bit-Computer, arbeitet sie für Namco, neben Nintendo einer der einflussreichsten Unterhaltungskonzerne ihres Landes.

Ursprünglich als Gebrauchsmusik gedacht, gelten Videogamesounds heute als grösster musikalischer Export Japans. Ihnen widmet sich derzeit die dokumentarische Webserie «Diggin' in the Carts» der Redbull Music Academy. Oder genauer: den oft unbekannt gebliebenen Schöpfern der elektronischen Klänge.

Von Klassik bis Ska

Angefangen hat alles mit «Pong», wie einer der Experten in der Dokumentation erzählt. Es war das erste Videospiel mit Sound, eine Art virtuelles Tischtennis, das ebenso klang wie sein Name. Zunächst gab es dieses nur als Automaten in Spielhallen, sogenannten Arcades. Nach dem Aufkommen des Spiels «Space Invaders» von 1978, dessen Begleitsound ähnlich wie «Pong» aus Einzeltönen besteht, war «Rally-X» von 1980 das erste Game mit durchgehender Hintergrundmusik. Im gleichen Jahr erschien «Pac-Man», das heute bekannteste aller Arcade-Spiele.

Wenige Jahre später waren Videogames mit komplexeren Soundtracks ausgestattet, die der Dramaturgie des Spielgeschehens folgten. Die Musik dazu basiert zwar auf digitalen Wellenformen, ihre Komponisten orientierten sich aber vor allem an analogen Stilen wie Klassik und Fusion, aber auch an Rock, Reggae und Ska. Hört man genau hin, lassen sich aus den fliessend getakteten Rhythmen, den vorwärtsdrängenden Synthie-Arpeggien und den käsig-fiependen Melodien tatsächlich die Stilvorlagen ableiten.

«Pac-Man» als Electrotrack

An den flirrenden Soundeffekten von 8-Bit-Games fanden auch Künstler der elektronischen Musik Gefallen: Es entstanden Stile wie Bitpop oder Chiptune, die die Klangästhetik von Videogames aufnahmen. Auf Youtube sind heute unzählige Popsongs in einer 8-Bit-Version zu finden. Und wie sich etwa das charakteristische Zirpen des gelben Pac-Man in einen Track integrieren lässt, führt der DJ J-Rocc in der Dokumentation gleich vor.

«Die Billigkeit dieses Sounds ist aussergewöhnlich», sagt auch Ozawa. «Eine Stradivarigeige ist zwar grossartig, aber extreme Einfachheit kann kein Instrument der Welt erreichen.» Einzig über den technischen Entstehungsprozess der Musik erfährt man in der ansonsten aufschlussreichen Serie nicht viel. Vielleicht folgt dies ja noch in den kommenden Episoden.

DerBund.ch/Newsnet

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