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«Ja, ja, kommt nur, ihr werdet schon sehen»

Deutschland ist Fussball-Europameister! Zumindest was das Selbstbewusstsein angeht.

Ein Besuch in Schweizer Public-Viewing-Lokalen zeigt: Wenn die deutsche Fussballnationalmannschaft spielt, solidarisiert man sich immer noch häufig mit dem Gegner. Früher lag das an brüllenden Torhütern, dem hässlichen Spiel oder dem Geschichtsverlauf. Das alles ist passé. Deutschlands sympathische Spieler spielen modernen Fussball, Merkel rettet gerade die europäische Währungsunion.

Wieso also die ungebrochene Abneigung? Weil sie besser sind als wir? Weil sie Holland rausgeschmissen haben? Weil sie unsere Bankdaten klauen? Nein, nein, nein. Es ist viel schlimmer. Es ist Hybris.

Beckenbauers Übermut

Nun kann man der Mannschaft selbst keine Überheblichkeit vorwerfen. Trainer und Spieler beteuern zwar, dass sie gewinnen wollen, aber das Wort «EM-Titel» kommt ihnen nicht leicht über die Lippen. Dafür sind andere zuständig. Die «Bild» zum Beispiel («Uns hält keiner mehr auf!»). Natürlich gehört Hochmut zum Daily Business einer Boulevardzeitung. Aber auch bei der ARD ist man übereuphorisiert. Nach dem Italien-England-Spiel bedachte Moderator Matthias Opdenhövel eine taktische Aussage des italienischen Trainers aus der sicheren Distanz des Studios und ohne Ironie so: «Ja, ja, kommt nur, ihr werdet schon sehen.»

Bei «Waldis Club» wiederum, einer weiteren Sendung im Staatsfernsehen, brauchte es gar nicht erst den Einzug ins Halbfinal, um in totale Euphorie zu verfallen: Der leutselige Moderator Waldemar Hartmann grölt bereits seit dem ersten EM-Spieltag zu Beginn jeder Sendung mit seinen Gästen: «Wir sind die Besten in Europa, wir haben die geilsten Fans der Welt.» Die Besten in Europa? Vielleicht. Sicher aber die Selbstsichersten. Wir erinnern uns an Franz Beckenbauer, der siegestrunken nach dem Final der WM 1990 sagte, Deutschland werde «auf Jahre hinaus unschlagbar sein». Bei der nächsten WM schied man frühzeitig aus. Gegen Bulgarien.

«Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan»

Der Hochmut eines Menschen erniedrigt ihn, heisst es, der Demütige aber erlangt Ehre. Nun gibt es freilich eine Bescheidenheit, die nur der Mantel des Hochmuts ist, das trifft gerade auf die Schweiz oft zu. Wo aber sind die Grenzen, wo hört Euphorie auf, wo beginnen Hochmut und Häme: Wenn man bei Waldi und «Bild» die Griechen verspottet («Ouzooooo geil»)? Wobei nicht nur solche Kalauer irritieren. Es ist auch diese mit Übermut verbrämte Hochstimmung, die sich nach einer Siegesserie breit macht. Bereits wurde gestern bei Frank Plasbergs Sendung «Hart aber Fair» denn auch diskutiert, ob der aufflammende Patriotismus zu Nationalismus führt.

Nun sollte man den Hunderttausenden jubelnden Fans vor dem Brandenburger Tor nicht ihre Schwarz-Rot-Goldenen Fahnen wegnehmen - irgendetwas müssen sie ja schwenken. Aber zumindest die Fachleute sollten sich an den Engländern ein Beispiel nehmen. Auf der Insel pflegt man, mal abgesehen von der «Sun», einen zwar direkten, aber nie überbordenden Fan-Stil. So blieben die BBC-Kommentatoren beim Penaltyschiessen trotz Führung auf dem Boden. Das grosse Selbstmitleid, das jeweils bei ZDF und SF bei Niederlagen zu hören ist, stimmten sie später auch nicht an. Stattdessen befand man nach dem verlorenen Penaltyschiessen lapidar: «Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan.» Dann verabschiedete sich Moderator Gary Lineker mit den Worten: «Wenigstens müssen wir jetzt nicht gegen Deutschland verlieren. Good Night.»

Als Zuschauer stellte man sich derweil vor, wie es bei «Waldis Club» nach einem deutschen EM-Sieg zu- und hergeht. Ja, Gary Lineker: dann gute Nacht.

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