Influencer und Influenzia

Wahrheit-Kolumnistin Xymna Engel wusste nicht, das Schleimkneten en vogue ist - oder das ihre Nase Beweis dafür ist, das sich die Welt noch dreht.

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(Bild: zvg)

Xymna Engel

Wenn man wie ich vor nicht allzu langer Zeit eine Geburt überstanden hat, glaubt man ja, man sei nun schmerztechnisch so abgehärtet wie Angela Merkel im Bundestag. Ein bisschen Blut abnehmen? Ein Klacks. Eine Nackenverspannung? Das ist doch bloss ein Zwicken. Ein Grippchen? Dass ich nicht lache. Leider glaubt man das nur so lange, bis es so weit ist.

Schon im Flugzeug fühlte ich ein kleines Kitzeln in den Untiefen meines Halses. Es war nicht wirklich unangenehm, sondern fühlte sich eher an wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Als ich meinem Reisebegleiter meine Beobachtung mitteilte, sagte der: Das ist bestimmt nur die trockene Luft hier drinnen. Und ich: Ja, die trockene Luft, das wird es sein.

Doch schon bei der Landung war aus dem Schmetterling ein kleiner Drache geworden. Meine Reisebegleitung aber blieb optimistisch: Das geht bestimmt schnell wieder weg, warte nur, bis wir am Meer sind. Ich: Genau, das Meer, die gute Luft.

Ganze zehn Minuten war ich am Meer. Der Wind war kalt, das Restaurant zu. Den Rest unserer Ferien verbrachte ich im Bett, kämpfte gegen den Schleim und das Gefühl, innerlich auszulaufen. Ich fühlte mich wie eines dieser Monster im Fernsehen, die nichts anderes zu tun haben, als in einem dunklen Loch zu sitzen und zu warten, bis ein Opfer vorbeispaziert, dem sie dann mit viel Gebrüll ihre schleimtriefende Mundhöhle zeigen können. Leiden die armen Monster womöglich unter chronischer Sinusitis? Und sind sie einfach deshalb so schlecht gelaunt? Vielleicht brauchen Monster also gar kein Menschenfleisch, sondern bloss ein Taschentuch.

Es gibt aber auch Menschen, die Schleim ganz super finden. Menschen, die Sachen sagen wie: «Irgendwann habt ihr so einen richtig geilen Schleim, das ist kein fester Schleim, aber ihr spürt, aha, ich habe einen richtig glibbrigen Schleim.» Oder auch: «Ja, also es ist schon ein Schleim. Ich habe noch nie so etwas Schönes angefasst, ausser meine Katze natürlich.» Das Erste stammt aus dem Video eines Youtube-Stars namens Bibi. Das Zweite von einer Kollegin, die ihren Channel xLaeta nennt. Beide haben einen Job mit Zukunft: Sie sind Influencerinnen. Und sie vertreiben sich die Zeit damit, ihren Zuschauerinnen zu zeigen, wie man Schleim herstellt. Denn Schleim ist der letzte Schrei. Es gibt ihn heutzutage in allen Farben, mit Glitzern, oder mit Sternchen. Und dazu unzählbare Videos, in denen Frauen den Schleim kneten, langziehen, oder ihre Finger reinstecken. Milliionen Menschen schauen dabei zu, zur Entspannung oder zum Einschlafen.

«Wenn ihr euch jetzt fragt, was das für einen Sinn hat, es hat keinen Sinn», sagt Bibi. Die Wissenschaft weiss: Es handelt sich dabei um die «Autonomous Sensory Meridian Response», kurz ASMR. Der Begriff bezeichnet ein Kribbeln auf der Haut, das vom Kopf über die Wirbelsäule läuft, ausgelöst durch bestimmte Geräusche, Flüstern, Berührungen, oder eben Schleimkneten.

Aber von all diesen wunderbaren Dingen erfuhr ich erst im Nachhinein. Denn ich war so grippal, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals wieder ein normales Leben führen zu können; ein Leben, in dem man auf den Bus wartet, auf dem Sofa sitzt oder die Spülmaschine ausräumt. Auch das Zeitgeschehen war mir für einmal total egal. Selbstbestimmungsinitiative, die AfD-Spendenaffäre, Migrationsdebatte: All das existierte für eine ganze Woche nicht. Was mich zu einer tröstlichen, aber auch beängstigenden Erkenntnis brachte: Solange die Nase läuft, ist die Welt noch in Ordnung.

Der Bund

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