In dieser Nische ist viel Platz

1998 wurde «Der gesunde Menschenversand» gegründet. 20 Jahre später ist der Verlag ein Hafen für etliche Berner Spoken-Word-Kunstschaffende.

Showtime zum 15-Jahr-Jubiläum im Südpol Luzern: Am Mikrofon ist Verleger Matthias Burki, flankiert von Autorinnen und Autoren.

Showtime zum 15-Jahr-Jubiläum im Südpol Luzern: Am Mikrofon ist Verleger Matthias Burki, flankiert von Autorinnen und Autoren. Bild: zvg

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Was haben die Autorengruppe Bern ist überall und Ernst Burren, Franz Hohler und Nora Gomringer, Ernst Eggimann und Sandra Künzi, Michael Stauffer und die Gebirgspoeten gemeinsam? Sie alle lassen sich vom «gesunden Menschenversand» und dessen Kapitän Matthias Burki leiten.

«Ich liebe diesen kurligen Verlag, welch vergnügliches Chrüsimüsi.»Matto Kämpf

Vorhang auf für die Präsentation einiger Eckzahlen dieses Verlags, der mittlerweile zu den arriviertesten Spoken-Word-Verlagen im deutschsprachigen Raum gehört und dessen Büro in Luzern in einem ehemaligen Käsekeller untergebracht ist. Geburtsdatum: 1. April 1998. Familie: 78 Autorinnen und Autoren sowie Musikerinnen und Musiker. Arbeitserfahrung: 125 Publikationen (7930 Seiten Buch, 4810 Minuten Ton). Referenzen: Schweizer Verlag des Jahres 2014.

Lassen wir zunächst einige Autorinnen und Autoren ihren jubilierenden Heimathafen preisen. «Ich liebe diesen kurligen Verlag, welch vergnügliches Chrüsimüsi», sagt Matto Kämpf. Und er verweist auf ein Programm, in dem auch ein Hundebuch, Vinyl-Singles, Postkarten-Sammlungen und ein Kreuzworträtsel-Heft eine Existenzberechtigung haben.

«Der Mut dieses Verlags, Ungewöhnliches bis hin zu krass avantgardistischer Modernität zu publizieren, erfüllt mich mit Stolz», stellt Michael Fehr («Kurz vor der Erlösung») fest. «Hier fühle ich mich zu Hause, wie sich frühere Generationen in Kleintheatern oder bei Literaturzeitschriften zu Hause fühlten», bekennt Guy Krneta («Unger üs»). Die Utopie, dass Autorinnen und Autoren mit einem Verlag zusammen wachsen, wurde für Guy Krneta mit dem «Menschenversand» Realität. Verleger Matthias Burki lasse Bücher erscheinen, «die in keinem anderen Verlag erscheinen könnten und darum nie geschrieben würden».

Beat Sterchi («Ging Gang Gäng») kann dies mit Blick auf sein neues, für April angekündigtes Buch «Aber gibt es keins» nur bestätigen. Zu seiner «unbeschreiblichen Freude», so Sterchi, publiziere Burki ein Buch, «von dem andere Verlegerinnen und Verleger ganz sicher sagen würden: ‹Unmöglich! Wegen der paar wenigen Leute, die so was interessieren könnte!›» Dass sich der Verleger mit seinem Programm an die wenigen wende, die das Salz der Erde seien, «ist nicht nur mutig, es ist auch ein Geschenk an die Schreibenden», lobt Beat Sterchi.

Die Sache mit der ISBN-Nummer

Diese verbalen Verbeugungen vor dem Verlag «Der gesunde Menschenversand» – das fehlende «t» im Substantiv wird bis heute immer wieder als Druckfehler moniert – machen Matthias Burki fast etwas verlegen. Er bleibt selber lieber im Hintergrund und sucht die öffentlichen Auftritte nicht, obwohl ihm seine Autorinnen und Autoren in den letzten Jahren wegen der Flut erhaltener Preise und Nominationen in schöner Regelmässigkeit Preisverleihungen und andere Ehrungen «einbrocken».

Das Berufsziel Verleger hat Burki nie angestrebt, obwohl er als Teenager eine Schülerzeitung und später als Student eine Zeitschrift herausgab mit dem Namen «das heft das seinen langen namen ändern wollte». Mit jeder Ausgabe verlor das Heft ein Wort im Titel – und endete folgerichtig nach neun Ausgaben. Gänzlich unglamourös sei er in dieses Berufsfeld gerutscht, sagt Burki. Weil der studierte Ethnologe und Kulturjournalist ein Buch mit Texten über die «Langeweile» herausgeben wollte und dazu eine ISBN-Nummer brauchte, gründete er mit einem Kollegen kurzerhand einen Verlag – «notabene ohne Kenntnisse des Buchmarkts und ohne Geld», so Burki.

Als Veranstalter von Poetry-Slams und Mundartliteratur-Lesungen förderte er mit feinem Gespür bereits Ende der 1990er-Jahre die sich formierende Poetry-Slam-Szene und erkannte alsbald eine Nische, die sein Kleinverlag dann konsequent besetzte: Spoken-Word-Literatur, für die Bühne geschriebene Texte, die er als Hörbücher und zwischen zwei Buchdeckeln verlegte. Bis 2007 leitete er den Verlag zusammen mit Yves Thomi, seither ist er allein verantwortlich. Seit 2009 gibt er die Reihe «edition spoken script» heraus, in der neben Guy Krneta, Gerhard Meister, Michael Fehr, Ariane von Graffenried auch ein gewisser Pedro Lenz «Der Goalie bin ig» veröffentlichte. «Diese Reihe hat die Wahrnehmung von uns durch den Literaturbetrieb und durch die Medien stark verändert», sagt Burki.

Und der Bestseller von Pedro Lenz, von dem bis heute rund 35'000 Exemplare verkauft worden sind, hat dem Verlag einen kommerziellen Erfolg beschert, mit dem diverse andere Projekte finanziert werden konnten. Die Früchte der Arbeit und des langsamen, organischen Wachstums zahlen sich aus. Während er in den ersten Jahren den Verlag eher als Hobby betrieb und kaum Geld damit verdiente, kann sich Burki seit 2009 auch einen bescheidenen Lohn auszahlen. Seit gut zwei Jahren wird der Einmannbetrieb auch von Tamaris Mayer unterstützt, die in einem Teilzeitpensum für Presse, Veranstaltungen und Projekte zuständig ist.

Vor Wochenfrist hat dieser Pionier der Spoken-Word-Szene für seine «grossen und nachhaltig wirkenden Verdienste im Bereich Literatur- und Sprachvermittlung» den mit 100'000 Franken dotierten Preis der Stiftung Landis & Gyr erhalten. Burki freut sich natürlich über diesen stolzen finanziellen Zustupf, in Euphorie verfällt er jedoch nicht: «Wir werden das Programm kaum gross rauffahren», sagt er. Der Preis sei vielmehr eine sehr willkommene Unterstützung, um einige aufwendige Projekte zu verwirklichen, etwa ein für den kommenden Herbst geplantes Buch über die Geschichte der Slam-Kultur in der Schweiz.

Eines der «schönsten Welträtsel»

Und wo sieht er seinen Verlag in zehn Jahren? Die Konzentration des Verlags auf Spoken Word ist für Burki unbestritten, «gerade angesichts der lebendigen Szene und der vielen Anfragen ist da kein Ende in Sicht». In dieser lebendigen Szene und damit auch in Burkis Verlag ist die Berner Präsenz unvermindert stark. In den ersten neun Jahren seines Bestehens hatte der Verlag auch eine Adresse in Bern. Von Beat Sterchi stammt der Ausspruch, dass ein Berner Autor nach der Fertigstellung seines Buchs damit erst mal nach Luzern zu Matthias Burki fahre.

Dass es im Spoken-Word-Bereich so viele hervorragende Autorinnen und Autoren aus Bern gibt, erklärt Burki auch mit der «grossen Tradition von Modern Mundart, Liedermachern und Mundartrock». Burki kann sich auch vorstellen, dass künftig der Anteil sprachbetonter, experimenteller Prosa, die sich genremässig nicht genau verorten lässt, ebenso zunimmt wie die Realisierung «grenzüberschreitender» Projekte; im kommenden Mai erscheint die CD «Kosovë is everywhere» von Bern ist überall, auf der ein vielstimmiges Fest der Sprachen zelebriert wird mit Schweizerdeutsch, Albanisch, Französisch, Englisch und Serbisch.

Enden wir mit zwei weiteren Geburtstagsgrüssen einer Autorin und eines Autors des Verlags an Matthias Burki. Ariane von Graffenried steht als die eine Hälfte des Duos Fitzgerald & Rimini einerseits für spartenübergreifende Mischformen und als Autorin («Babylon Park») auch für einen Trend zur Mehrsprachigkeit innerhalb eines Textes. Sie lässt uns wissen: «Im Verlagshaus des gesunden Menschenversand nageln wir tagsüber schön verschrobene und vertraute Sprachbilder an die eigene Zimmerwand. In der Nacht treffen wir uns zum Tanz in der unterirdischen Küche. Die Hausmusik spielt, und wir singen Balladen für Burki.»

Der Autor und «Bund»-Kolumnist Gerhard Meister («Viicher & Vegetarier») wundert sich über den Erfolg des Verlags; noch mehr staunt er allerdings über eines der «schönsten Welträtsel», dass nämlich Matthias Burki trotz der Riesenarbeit, die dieser Erfolg nach sich ziehe, «immer Zeit hat für mich und nie auch nur einen Millimeter von seiner menschenfreundlichen Ruhe abrückt».

Sonntag, 11. März, 19 Uhr, Schlachthaus-Theater Bern, Benefizveranstaltung «20 Jahre Der Gesunder Menschenversand». Mit Live-Beiträgen u. a von King Pepe, Stefanie Grob, Guy Krneta, Adi Blum, Die Gebirgspoeten und Renato Kaiser. (Der Bund)

Erstellt: 09.03.2018, 06:45 Uhr

Festgedicht für einen Verleger

Von Jürg Halter Für Matthias Burki

Leichten Schrittes eilt der Verleger zum Postschalter,

balanciert Pakete, gibt sich als tänzelnder Bücherhalter,

laut und leise spricht er heiter Verse vor sich hin, die Frau hinter der Scheibe staunt:

«Macht das nun Sinn?»

«Durchaus!», so er, «im Versand, da liegt die Poesie!»

«Ach so, mein Herr, Sie sind mir aber ein Genie!»

Verlegen lächelnd steht er da und sagt entrückt:

«Nein, nicht ich, die Autoren sind verrückt!»


Der Berner Lyriker Jürg Halter veröffentlichte im letzten Herbst seine Prosaskulptur «Mondkreisläufer» im Verlag der Gesunde Menschenversand.

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