Im Bett mit zerknautschter Krone

In Parallelwelten leben zu können, ist für die Schauspielerin Heidi Maria Glössner die schönste und wichtigste Kindheitserfahrung gewesen.

Das Posieren hat sie sehr früh entdeckt: Heidi Maria Glössner.

Das Posieren hat sie sehr früh entdeckt: Heidi Maria Glössner.

(Bild: zvg)

Unter dem Nähtisch, da ist das Paradies: Dort richtete sich Heidi Maria Glössner in ihrer Märchenwelt gern ein. Zwischen Stofffetzen und Fäden ist sie Prinzessin, Magd und Räuberin. Manchmal schwammen dort auf einem Teich auch Schwäne und Enten die das Nachbarmädchen aber partout nicht sehen wollte. «Da bin ich so wütend geworden, dass ich sie kurzerhand in die Wange gebissen habe», sagt die Schauspielerin.

Und machte alleine weiter unter dem Arbeitstisch ihrer «Herzensmutter», einer Schneiderin in Uzwil, bei der sie aufgewachsen ist. In deren Estrich stand auch noch eine Truhe mit schweren kostbaren Stoffen aus dem 19. Jahrhundert. «Dort habe ich mich ganze Nachmittage mit Verkleiden vergnügt.» Wie intensiv sie in ihren Fantasiewelten gelebt hat, daran erinnert sie Jahrzehnte später einmal ihr Kinderarzt. «Jedes Mal, wenn er gekommen sei – und er wurde häufig gerufen, weil ich als Kleinkind viel krank gewesen bin, sei ich verkleidet im Bett gelegen. Auch mit roten Fieber-backen hätte ich noch eine zerknautschte Pappkrone auf dem Kopf getragen.» Publikum brauchte Heidi Maria Glössner für ihre Inszenierungen keines. Auch später als bekannte Schauspielerin ist es ihr so wenig wichtig wie der Applaus. «In Rollen zu schlüpfen und verschiedenste Charaktere zu entwickeln, das ist für mich das Spannendste und Wichtigste am Theater.»

Trauma der Bombennächte

«Meine Kindheit ist sehr glücklich gewesen», sagt die 71-jährige Schauspielerin vom Berner Stadttheater, die mit ihrer Rolle im Film «Die Herbstzeitlosen» (2006) weit über Bern hinaus bekannt geworden ist. So hell und licht die kleine Alltagswelt im Schneiderhaushalt in Uzwil gewesen ist, so schwierig war Heidi Maria Glössners Start ins Leben. Ihre Mutter lebt 1943, als sie mit Heidi Maria schwanger ist, in Karlsruhe, das heftig bombardiert wird. Als sie versucht, in die Schweiz zu reisen, um ihr Kind bei ihrer besten Freundin auf die Welt zu bringen, sitzt ihr Mann im Gefängnis. Doch die Hochschwangere wird an der Grenze zurückgewiesen. Zwei Monate nach der Geburt bringt sie es fertig, das Kind über die Grenze zu bringen, übergibt es ihrer Freundin und kehrt nach Deutschland zurück. Man wird Heidi Maria erzählen, dass sie als Baby in den ersten Monaten in der Schweiz Nacht für Nacht aufgeschreckt sei, geweint habe und stundenlang herumgetragen werden musste. «Die Bombennächte in Karlsruhe haben zu einem Trauma geführt.»

Und zu komplizierten Familienverhältnissen. «Ich habe drei Mütter», sagt Glössner, «und alle drei sind wichtig für mich gewesen.» Die leibliche sieht sie zum ersten Mal am Grenzzaun, und sie darf ihr heimlich ein Stück Schokolade zustecken. Die dritte ist die Schwester der «Herzensmutter», die auch ledig ist und im gleichen Haus lebt. Der Vater? Dem Mann, dessen Namen sie trägt, ist Heidi Maria Glössner nie begegnet. Noch während des Kriegs ist er gestorben. Erst kurz vor ­ihrem Tod mit über 90 Jahren wird ihr die Mutter verraten, dass der leibliche Vater ein schöner Bulgare gewesen sei, der als Doktorand für eine Weile in Deutschland lebte. Über 40 ist die Mutter bereits, als sie sich in den jungen Mann verliebt.

«Es muss eine grosse Liebe gewesen sein», sagt Glössner. «Aber ich habe nichts vermisst in meiner Jugend, ich bin in Uzwil so gut aufgehoben gewesen.» So gut, dass sie als kleines Kind Angst davor hatte, nach Deutschland zurück zur Mutter gehen zu müssen, so wie es die beiden Freundinnen ausgemacht haben. «Bei allen Versuchen einer Übergabe ist zum Glück immer etwas dazwischen gekommen», sagt Glössner.

Welttheater an der Kantonsschule

Hat sie unbewusst versucht, mit den vielen Rollen, die sie sich ausgedacht, und den Universen, die sie für sich ganz allein erschaffen hat, das Dilemma zwischen der fremden und der vertrauten Familienwelt zu verarbeiten? Die Schauspielerei ist nämlich nicht ihr Traum gewesen. «Tänzerin wollte ich werden, schon als ganz kleines Kind. Meine ersten Zeichnungen waren Strichmännchen, die immer ein Bein in der Luft hatten.» Dieser Wunsch kann ihr im kleinen Dorf nicht erfüllt werden. Ballettunterricht gibt es in Uzwil keinen, und St.Gallen ist zu weit weg. Dafür kommt Heidi Maria bereits als Vierjährige zu ihrer ersten Theaterrolle, als im Kindergarten der «Rattenfänger von Hameln» aufgeführt wird. Ob im Blauring, oder im Kirchenchor und in der Schule – wo immer es eine Möglichkeit gibt, in eine andere Rolle zu schlüpfen, macht Heidi Maria Glössner mit. «An der Kantonsschule habe ich mit anderen zusammen eine Theatergruppe gegründet. Da haben wir Hofmannsthals ‹Der Tor und der Tod› gespielt, haben Welttheater gemacht für uns ganz allein.»

Ihre Leidenschaft und ihre Begabung für den Tanz kommen Heidi Maria bei ihren ersten professionellen Auftritten zugute. In Los Angeles tritt sie in einer Musical-Revue als Blue Fairy auf. «Auch als Umbaunummer bin ich eingesetzt worden und hab französische Chansons gesungen.» Ein Jahr lebt sie als 19-Jährige in Kalifornien, wohnt zum ersten Mal auch zusammen mit ihrer leiblichen Mutter und ihrem Halbbruder, der nach Amerika ausgewandert ist. Auf ein Inserat hin hat sie sich für das Musical gemeldet, rutscht bald über Freunde in die Schauspielszene, Partys mit Stars wie Lana Turner und Charles Bronson inklusive. Doch der Film reizt sie nicht, die Dreharbeiten schrecken sie ab. «Ich bin auf dem Set gewesen, als Doris Day dreissig Mal eine Schachtel Eier fallen lassen musste. «Diese endlose Repetiererei hätte ich nicht ertragen, ich wollte spielen, mich nicht endlos wiederholen.» Auch Rock Hudson und Betty Hutton, die sie beim Einstieg ins Filmbusiness unterstützen wollten, konnten sie nicht umstimmen. «Aber vielleicht bin auch einfach zu feige gewesen», gibt Glössner heute zu bedenken.

Auch 67 Jahre nach ihrer ersten Rolle sind die Proben im Theater für sie noch immer die schönsten und wichtigsten Zeiten. Proben, die sie noch immer so intensiv erlebt, wie einst die Minidramen unter dem Nähtisch. «Manche Rollen haben dann auch Auswirkungen auf mein Privatleben. Spiele ich eine frivole Person, realisiere ich, dass ich plötzlich viel draufgängerischer bin.»

Heidi Maria Glössner.

Das Posieren hat sie sehr früh entdeckt: Heidi Maria Glössner als Vierjährige. Foto: zvg

Der Bund

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