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Ihre Masche überzeugt

Stricken mit neonfarbenem Garn: Die 26-jährige Berner Nachwuchsdesignerin Anna-Kristina Ninck nutzt alte Handwerkskunst und kreiert Neues.

Anna-Kristina Ninck ist überzeugt: «In dieser uralten Kunst liegt noch viel unausgeschöpftes Potenzial.»
Anna-Kristina Ninck ist überzeugt: «In dieser uralten Kunst liegt noch viel unausgeschöpftes Potenzial.»
Adrian Moser

Das Thema war die Street-Parade in Zürich. Über diesen technoiden Anlass sollte die Klasse der Handelsmittelschule in Thun einen Aufsatz verfassen. Anna-Kristina Ninck beschrieb die Kleidung an den Körpern der Tanzenden, schrieb über Farben und Formen – als Einzige. Die Lehrerin lachte. «Typisch, unsere Anna.» Das ist jetzt sieben Jahre her.

In der Zwischenzeit hat Anna-Kristina Ninck an der Hochschule Luzern Textildesign studiert und dieses Jahr für ihre Diplomarbeit «Ich erzähle von der Masche» den Textildesign-Nachwuchspreis gewonnen. Für die 26-Jährige war das eine Ansage. Dass anerkannte Fachpersonen und eine international zusammengesetzte Jury von Design Preis Schweiz sie als Nachwuchshoffnung bezeichnen: Das ehrt die junge Frau.

Die von Anna-Kristina Ninck entworfenen Teile sehen aus, als hätte man in den Kleiderschrank einer modebewussten Marathon-Läuferin gegriffen, einer modernen Frau, die gerne Bein zeigt. Da sind zwar verspielte Details wie Stoffkordeln, die an einem pullunderartigen Oberteil bis zur Hüfte herunterhängen, und sogar Puffärmelchen. Aber die Kollektion kommt ohne Hang zur Nostalgie aus.

Strapazierfähige Kleider

Zwar arbeitet Ninck mit klassischen Farben, setzt dafür mit schrillem Pink, kaltem Gelb und fluoreszierendem Orange Akzente. Die Stücke sind ausnahmslos gestrickt und bewusst provokativ nahe am Zerfall: Rutscht dieser nach unten hin üppige, spinnennetzartige Schleier nicht von der Schulter? Anna-Kristina Ninck winkt ab. «Das ist der Vorteil von gestrickten Kleidern: Sie sind extrem strapazierfähig. Die meisten von uns tragen gerade jetzt etwas Gestricktes, und sind sich dessen gar nicht bewusst.» Sie redet vom «Strick», als wäre es ein guter Freund. Kein Wunder: Monatelang hat sie Maschen aneinandergereiht, aus Materialien wie Elasthan, PET-Garn und Wolle, und so ihre avantgardistische Kollektion entstehen lassen. Mit «Stricken» meint Ninck nicht nur die Methode mit Nadeln und Garn, sondern auch die mechanische. «Stricken ist sehr technisch», sagt sie. Das gefällt ihr. Sie hat Kontrolle über die Maschine und kann flugs reagieren, das Kleidungsstück wenden und drehen, mitten im Entstehungsprozess.

Das Handwerk hat sie während ihres Praktikums bei Monika Franz in Berlin perfektioniert. Das «Graefe 90», wie das Atelier der Designerin heisst, sehe nicht nach einem in Berlin typischen «trendy» Lokal aus, aber – und darauf legt das Nachwuchstalent wert: «Die Frau hat ihr Handwerk im Griff.» Ein «Landei» nennt sich Anna-Kristina Ninck selbst und schlägt die überlangen Wimpern nieder. Und dann komme sie mit ihrer Diplomarbeit daher. Das wolle doch niemand sehen. Das hat sie gedacht.

Praktikum dank Preisgeld möglich

Als die Jury den Preis ankündigte und die Fördersumme von 50'000 Franken nannte, dachte sie nur: «Wow, das Geld könnte ich gebrauchen.» Am meisten hat sie sich darauf gefreut, ihren Eltern von der Auszeichnung zu erzählen, ihnen, die mit der Modebranche nichts am Hut haben: «Ich freute mich, ihnen mitzuteilen, dass sich die Investition in mich gelohnt hatte.»

Während sie noch bis im März für ein Berner Messeunternehmen Firmenauftritte entwirft, sucht sie nach einer neuen Praktikumsstelle. Wie in der Modebranche üblich, wird diese wohl unbezahlt sein. Das kann sich Anna-Kristina Ninck dank dem Preisgeld nun leisten. Ob sie dem Strick treu bleibt? Natürlich. Denn sie ist sich sicher: «In dieser uralten Kunst liegt noch viel unausgeschöpftes Potenzial.»

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