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Ich und mein Rest

Güzin Kar findet einen neuen Zugang zu ihrem Körper.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.
Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

«Joggen kann Ihre Gesundheit gefährden», warnte mich ein medizinischer Fachartikel, über den ich in einem Apothekenheft gestolpert war, das zum Mitnehmen auflag. Als Hypochonderin nehme ich alles mit, was in einer Appotheke aufliegt, Hustenbonbons, Heftpflaster und sogar Abführmittel für Hunde, obwohl ich keinen Hund habe. Aber Husten habe ich manchmal. Und ich lese gerne Artikel über Freizeitsport, da sie mir das beruhigende Gefühl vermitteln, den Sport allein durchs Lesen ein wenig auszuüben.

«Sie selbst könnten vielleicht täglich eine längere Strecke meistern, aber Ihre Muskeln, Knochen, Sehnen, Bänder, Ihr Herz sowie Ihre Organe sind den neuen Belastungen noch nicht gewachsen. Sie brauchen Ruhephasen.» Moment. Wenn man von mir die Muskeln, Knochen, Sehnen, Bänder, das Herz sowie alle Organe abzieht, was bleibt dann noch übrig? Das Haar? Können Frisuren allein joggen?

Ich merkte, wie naiv ich bisher mit dem Ich-Begriff umgegangen war, ja geradezu fahrlässig. Mit «Ich» hatte ich die Gesamtheit meiner Einzelteile gemeint, deren Vollversammlung sozusagen, die nur geschlossen entscheidungsfähig ist. Mir ist es jedenfalls noch nie passiert, dass meine Leber in der Kneipe etwas anderes bestellt hätte als das Rest-Ich. Aber gut möglich, dass meine Bauteile unterschiedliche Trinkgewohnheiten haben, wo sie schon die Joggingvorlieben nicht teilen.

Abschalten im Spa-Tempel

Beim Weiterblättern wurde mir klar, dass es gerade in der Ernährungs-, Fitness- und Entspannungsindustrie von essentiellem Nutzen ist, wenn man sich vervielfältigt. Ich und mein Körper. Ich und meine Psyche. Ich und mein Leben. «Bei uns können Ihr Körper und Ihr Geist abschalten, während Sie die Seele baumeln lassen», warb ein Spa-Tempel.

Da ich nicht religiös bin, entfällt bei mir die Sache mit der Seele, aber auch die Trennung von Körper und Geist erscheint mir noch kompliziert genug. Die beiden sind bei mir auf gordische Weise miteinander verquickt und verknotet. Wenn ich zum Beispiel innerlich gerührt im Kino sitze, muss ich auch körperlich weinen, was sich unvorteilhaft auf Augen-Make-up und Tränensäcke auswirkt, so dass ich das Kino als Bette Davis betrete, aber als Inspektor Derrick verlasse.

Den eigenen Körper stalken

Und wenn ich etwas lustig finde, manifestiert sich dies nicht in geistig-spiritueller Erregung, sondern in Lachen. Manchmal fallen mir auf der Strasse lustige Erlebnisse ein, so dass ich allein vor mich hinlächle und aussehe wie eine Zeugin Jehovas. Ich habe mir vorgenommen, stets eine Ausgabe des «Wachtturm» mitzuführen und im Bedarfsfall gut sichtbar in die Hand zu nehmen, weil ich finde, dass jemand, der mit «Wachtturm» allein vor sich hingrinst, weniger peinlich ist als jemand ohne «Wachtturm».

«Fasten und Schweigen», befahl ein Seminaranbieter auf der folgenden Seite, «Für Leute, die wieder mit ihrem Körper in Kontakt kommen wollen». Wer von beiden hat denn Schluss gemacht, ich oder mein Körper? Es muss Letzterer gewesen sein, womöglich wegen einer anderen, die besser fastete und schwieg als ich. Soll ich meinen Körper umwerben oder gar stalken? Und wer sagt denn, dass ich meinen eigenen zurück will? Vielleicht möchte ich mit einem anderen Körper in Kontakt treten. Vielleicht lege ich mir auch einen Hund zu. Während Hund und Haar miteinander joggen, kann der Rest zu Hause auf dem Sofa die weiteren fünf Apothekenhefte lesen.

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