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Helmut Schmidt und der «Scheisskrieg»

Ab wann war Helmut Schmidt ein Nazigegner? Ein Buch bringt neue Fakten, aber kein neues Bild des deutschen Alt-Bundeskanzlers.

Bekannte Pose: Helmut Schmidt raucht 2011 während einer Veranstaltung in Berlin.
Bekannte Pose: Helmut Schmidt raucht 2011 während einer Veranstaltung in Berlin.
Reuters
Wenn einer rauchen darf, dann Helmut Schmidt: An einer Tagung in Berlin wurde ein Tisch mit Aschenbecher für den Altkanzler bereitgestellt.
Wenn einer rauchen darf, dann Helmut Schmidt: An einer Tagung in Berlin wurde ein Tisch mit Aschenbecher für den Altkanzler bereitgestellt.
Reuters
Zwei überraschte Gesichter: Schmidt und Leonid Breschnew (r.) 1980 im Kreml.
Zwei überraschte Gesichter: Schmidt und Leonid Breschnew (r.) 1980 im Kreml.
Reuters
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Immer wenn Helmut Schmidt auf Hitler zu sprechen kam, wählte er seine Worte bewusst im Kasernenhofton: «Adolf Nazi» sagte er und «Scheisskrieg». Die kerndeutschen Formulierungen sollten klarstellen, dass der frühere deutsche Bundeskanzler nichts, aber auch gar nichts mit dem NS-Regime zu tun haben wollte.

Zu tun gehabt hatte er natürlich: als Hitlerjunge und später als Wehrmachtsoffizier. Und seine Einstellung zu Politik und Ideologie des Dritten Reichs war während dessen Dauer durchaus nicht eindeutig: Daraus hat Helmut Schmidt nie einen Hehl gemacht. Jetzt erregt ein neues Buch noch vor Erscheinen Aufsehen: Die Journalistin Sabine Pamperrien hat Schmidts junge Jahre von 1918 bis 1945 aufgearbeitetund dazu als Erste seine Wehrmachtsakte ausgewertet, die im Militärarchiv in Freiburg im Breisgau liegt.

Darin kann man die Beurteilungen der Vorgesetzten des jungen Offiziers lesen. Immer ist von ausserordentlichen geistigen und organisatorischen Fähigkeiten die Rede, immer aber auch von einer hohen Selbsteinschätzung, ja «Überheblichkeit», und von vorlautem, respektlosem Auftreten gegenüber höheren Dienstgraden. Da zeigt sich schon der spätere «Schmidt-Schnauze», der sich allen anderen überlegen sah und das gern auch ausdrückte.

Wegen Frechheit rausgeflogen

Brisant erscheint der Autorin – und den Medien, die sie zitieren – vor allem die politische Beurteilung. Schmidt stehe «auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung», schreibt ein Major Jacobson im Januar 1942, und im Oktober 1943 wie im Sommer 1944 wird die «einwandfreie» nationalsozialistische Haltung vermerkt. Brisant sind solche Vermerke aber nicht, sondern eher routinierte Pflicht. Wenn ein brillanter Jungoffizier für höhere Aufgaben empfohlen werden sollte, musste er politisch unverdächtig sein.

Helmut Schmidts wirkliche Einstellung zum NS-Regime ist weniger leicht zu eruieren. Seine eigenen Äusserungen sind unklar, teils widersprüchlich und weniger präzis, als das Historiker gern hätten. Sabine Pamperrien insistiert auf Widersprüchen und Lücken und bemerkt ein bisschen süffisant: «Er weiss es nicht mehr.» Kein Wunder bei Ereignissen, die über ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Manches, woran Helmut Schmidt sich zu erinnern meint, kann tatsächlich so nicht gewesen sein: Den Eintritt in die Hitlerjugend haben die Eltern ihm nicht, wie behauptet, verboten – mit Hinweis auf den jüdischen Grossvater, von dem niemand etwas wissen dürfe. Tatsächlich ist der 14-jährige Knabe 1933 freiwillig von der Ruderriege seiner Schule in die HJ übergetreten, wie Schulakten belegen. Wegen Frechheit flog er übrigens aus der NS-Jugendorganisation bald wieder raus.

Zweifel an der politischen Führung kamen Schmidt stückweise und in Schüben, wie Sabine Pamperriens Auswertung seiner Notizen aus dem Gefangenenlager ergeben. Scham über die Judenverfolgung empfand er früh, die Verurteilung der «entarteten Kunst» empörte ihn. Als Offizier folgte er aber seiner «soldatischen Pflicht» und rückte erst ab 1941 langsam von seinem «Führer», auf den er einen Eid geschworen hatte, ab. Eine Pflichtteilnahme an einem Prozesstag des Volksgerichtshofs brachte ihn 1944 endgültig zur Erkenntnis, «dass die Nazis Verbrecher waren». Etliche hatten das schon früher bemerkt, andere später. Die neuen Details sind jedenfalls kein Anlass, das Bild des Alt-Kanzlers neu zu malen.

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