Haben Sie auch Saukopfsülzensehnsucht?

Zeitgeist, Weltschmerz, Hinterland: Die englische Sprache hat sich eine ganze Menge deutsches Vokabular angeeignet. Doch die Nachfrage übersteigt das Angebot: In den USA werden Germanismen neu erfunden.

Eine ganze Palette von Wortschöpfungen: Ben Schott, in New York lebender Brite, versammelt in seinem Buch 120 deutsch scheinende Substantive.

Eine ganze Palette von Wortschöpfungen: Ben Schott, in New York lebender Brite, versammelt in seinem Buch 120 deutsch scheinende Substantive.

(Bild: PD)

David Hesse@HesseTA

Im Zuge der NSA-Affäre haben viele Amerikaner ein neues deutsches Wort gelernt: Der US-Nachrichtendienst hat das «Handy» der deutschen Kanzlerin überwacht. Wie putzig, kommentierten Leserbriefschreiber und Blogger; der deutsche Sprachraum ist so versessen auf coole Anglizismen, dass er sich eigene, pseudoenglische Vokabeln schafft. «Handy» heisst im Englischen nur «handlich» oder «praktisch», das Mobiltelefon hingegen «cell phone» (Nordamerika) oder «mobile (phone)» (Grossbritannien). Auf so etwas, witzelte ein Bekannter, können nur die Deutschen kommen: unwohl mit dem Eigenen, das Fremde aber korrigierend.

Diese küchenpsychologische Analyse ist leicht widerlegt. Denn auch die englische Sprache nutzt Wortimporte aus dem Deutschen – Doppelganger, Weltanschauung, Kindergarten –, und knetet sich seit alters her Germanismen neu zurecht. Wenn jemand in Amerika sein «Spiel» einsetzt («he used his spiel»), dann redet er wortreich auf seine Zuhörer ein, um sich und seinen Standpunkt zu verkaufen. Wer ein Vorhaben kurzentschlossen fallen lässt (quasi killt), der «nixt» es («she nixed the deal before it was signed»). Und wer so richtig fertiggemacht worden ist, kann in gewissen Kreisen sagen, er sei «gerommelt» worden («I got rommeled pretty hard»). Mit entliehenen Vokabeln wird hier unzimperlich Neues angestellt.

Ernst und Schwere

Offenbar übersteigt der Bedarf an deutschen Ausdrücken das Angebot. Der in New York lebende Brite Ben Schott, Fotograf und Autor erfolgreicher Listenbücher («Schott’s Miscellany»), hat eine ganze Palette von Wortschöpfungen vorgelegt. Sein Büchlein «Schottenfreude: German Words for the Human Condition» versammelt 120 deutsch scheinende Substantive, mit welchen weitherum bekannte Gemütslagen und Alltagssituationen endlich ordentlich benannt werden sollen. «Haben Sie je gedacht: Dafür müsste es ein deutsches Wort geben?», fragt der Klappentext. Dieser Mangel sei nun behoben.

Deutsche Lehnwörter finden im Englischen häufig dann Verwendung, wenn es um finstre Dinge geht: Angst, Weltschmerz, Schadenfreude. Auch die von Schott eingedeutschten Stimmungen sind oft unerfreulich: Da ist die «Abgrundsanziehung», der Drang, sich aus grosser Höhe hinabzuwerfen, oder der «Gastdruck», die quälende Anstrengung, ein guter Gast zu sein. Für Muttersprachler nicht gleich transparent ist das «Blickleid», das verstohlene Betrachten versehrter Mitmenschen. Etwas ungelenk ist auch «Sonntagsleerung», die Depression am siebten Wochentag. Mit deutschen Wörtern lässt sich offenbar gut Ernst und Schwere transportieren.

Das lässt sich komisch umnutzen: «Für das englische Ohr klingt Deutsch zwar beeindruckend, aber auch lustig», sagt Schott im Gespräch. So hat er die «Wohlverpackungsfreude» erfunden, das Glück des perfekt eingewickelten Geschenks, oder den «Erkenntnisspaziergang», den Einfälle generierenden Gang im Freien. Besonders schön sind «Herbstlaubtrittvergnügen» und «Saukopfsülzensehnsucht», Letztere eine fatale Lust auf ungesundes, aber herrliches Essen. Und auch der «Fingerspitzentanz», eine unter Einsatz geschickter Finger bewältigte Herausforderung wie das kleckerfreie Ersetzen einer Druckerpatrone oder das Öffnen eines Büstenhalters, ist etwas Schönes.

Authentizitätshungrige Gegenwart

In den USA bedient Schotts Büchlein eine weit verbreitete Vorstellung. Der US-Linguist Jesse Sheidlower glaubt, es existiere ein «Mem», nach dem im Deutschen jede erdenkliche Sache mit einem einzigen Wort benannt werden könne. Dies natürlich dank der Freiheit, bestehende Vokabeln zu neuen und neusinnigen Worten aneinanderzureihen. Schott beherrscht dies so gut, dass ihm immer wieder Worte gelingen, die man in den eigenen Wortschatz aufnehmen möchte, etwa den «Dudenblitz» (das Gewahrwerden eines gesuchten Wortes im Moment, da man das Wörterbuch schon zur Hand genommen hat). Andere Neukombinationen wirken weniger organisch, etwa der «Kraftfahrzeugsinnenausstattungsneugeruchsgenuss» oder der «Dornhöschenschlaf» (das Vortäuschen tiefen Schlummers zur Abschreckung erotischer Avancen).

Doch die Möglichkeit zur Wortverknüpfung allein kann die Lust am Deutschen nicht erklären. Auch andere Sprachen erlauben schliesslich ellenlange Komposita. «Deutsche Wörter verleihen einer Rede Gewicht», glaubt Schott. Neben Krieg («Achtung», «Blitzkrieg») und Küche («Sauerkraut», «Lager») sind die meisten deutschen Importworte den Bereichen Literatur, Psychoanalyse oder Wissenschaft entlehnt. Ihre Verwendung beweist Bildungsnähe, Vertrautheit mit den alten Schriften. In der authentizitätshungrigen Gegenwart, da Hipster nostalgisch-ironische Gamaschen tragen und alte Gemüsesorten neu entdeckt werden, kommen solche europäischen Salonsprengsel in der Sprache gut an.

Schicke neue Bars tragen plötzlich Namen wie «Prost» (Chicago), «Bier Baron» (Washington) und «Fette Sau» (New York). Im Englischen gibts auch keinen Ärger ob solcher Sprachverwendung. Wozu sich aufregen, fragt Schott: «Sprache rein halten, das ist, als säuberte man jeden Morgen den Strand mit einem Kamm, nur damit die nächste Welle alles wieder durcheinanderspült.» Englisch sei sowieso eine zusammengeklaute «Elsternsprache», in der auch Platz für 120 neue Germanismen sei. Überdies dürfte der Status des Englischen als globale Lingua franca dabei helfen, die Sorge um die Sprachbewahrung in Grenzen zu halten: Das Englische sendet netto noch immer stärker, als es aufnimmt. Wer weiss, vielleicht kommen bald die ersten US-Germanismen als Re-Import zurück nach Europa. Quasi: Wer mein Handy abhört, der soll mir nicht mit Spiel kommen.

DerBund.ch/Newsnet

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