Geköpfte Kens

In der Seniorenresidenz für Barbiepuppen leben die Kens gefährlich.

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Es ist wieder so weit, ich sammle wieder einmal Barbies ein. Nicht etwa, weil die Schönen längst zum Kunstobjekt avanciert sind und zurzeit wieder ein Museum in Paris füllen. Nein, ich bin hinter jenen Barbies her, die in Kinderzimmern, Estrichen, Kellern und Brockenhäusern dumpf und traurig vor sich hindämmern, weil sich keiner mehr für sie interessiert.

Werden die Besitzerinnen plötzlich von Skrupeln befallen, die einst so geliebten Puppen wegzugeben, verspreche ich das Blaue vom Himmel, was die Barbies erwartet. Und ich übertreibe nicht. Die Barbies landen nämlich im Paradies. In einem echten Barbie-Paradies. Sie werden bis ans Ende ihrer Tage, bis ihre Arme und Beine hoffnungslos ausgeleiert und die Haare ganz spärlich geworden sind, gehätschelt. Erspart bleibt ihnen die schale Gleichgültigkeit, die so häufig das Ende grosser Leidenschaften markiert.

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Die gesammelten Schönen landen nämlich in einem nepalesischen Waisenheim. Lang hatte ich gezögert, bevor ich die erste Ladung Barbies eingeflogen habe. Auslöser für die Aktion war eine billige Kopie, mit der die Mädchen im Heim ganze Nachmittage lang spielten. Sie wurde gehätschelt wie eine Prinzessin. Aus Zeitungspapier und alten Stofffetzen wurden immer neue Kleider gebastelt. Und diese schäbige Barbie heiratete fast nonstop. In einem schmuddeligen Stück Tüll. Wo die Mädchen es aufgetrieben hatten, weiss ich nicht.

Auch die Barbies aus Europa, die nun in Abendroben, Tigerpants und Bikinis anreisten, wurden sofort heiss geliebt, und auch sie durften fast täglich heiraten. Zumindest während der Schulferien. Geschmückt wurden sie mit Blümchen und Blättern, und zu gerne hätte ich verstanden, was die kleinen Mädchen mit den Barbies rund um den schönsten Tag alles verhandelten.

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Das Heiraten ohne Mann war so exzessiv, dass ich anfing, auch nach ausrangierten Kens zu suchen. Was gar nicht einfach war. Kens sind hierzulande rar und nicht sonderlich beliebt. Ein paar habe ich dann aber doch noch ausfindig machen können. Sie waren bis auf die eingeschweisste Unterhose meist nackt. So wollte ich sie ihren künftigen Bräuten nicht präsentieren und habe dann versucht, ihnen etwas Passendes zum Anziehen zu basteln. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Freude über die Männer mit dem unverwüstlichen Sixpack war im Heim riesig. Das Heiraten hatte eine neue Qualität. Ganz besonders, als wir beim Strassenhändler im Quartier dann noch eine Art Barbie-Kind-Kopie entdeckten.

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Doch dann waren die Kens plötzlich verschwunden. Und zwar alle. Geheiratet wurde weiter. Die Mädchen schwiegen verlegen, wenn ich mich nach den verschwundenen Kens erkundigte. Was mit ihnen geschehen war, wollte mir niemand verraten. Es dauerte, bis dann die Barbie-Mutter, das Mädchen, das im Heim die Verantwortung für die Puppen hatte, mit dem Drama herausrückte: Die Buben hätten alle Kens geköpft.

Die Buben waren nicht verlegen, als ich sie nach den Gründen für die Exekution fragte. Sie hätten die Kens befreit und in den Kampf geschickt. Ihre Gegner seien die paar wenigen Spielzeugfiguren gewesen, die den Buben gehörten. Die Kens hätten trotz Sixpack keine Chance gegen Godzilla, Batman und Superman gehabt, die kein einziges Mal eine Barbie hätten heiraten dürfen.

Die nächste Barbie-Truppe, die mit nach Nepal reist, wird nun bei Godzilla, Superman, King Kong und Batman einziehen.

Der Bund

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