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Geister machen keine Politik

Das Politforum im Käfigturm in Bern lanciert sich als Ort der Debatte neu. In einer Ausstellung schliesst es den öffentlichen Raum an den virtuellen an. Klar wird: Das Digitale muss politischer werden.

Misslungener Versuch, die Ortung der Besucherhandys zu stören: Die Installation «Packetbridge» (2012–15) von Gordan Savic?ic? und Bengt Sjölén.
Misslungener Versuch, die Ortung der Besucherhandys zu stören: Die Installation «Packetbridge» (2012–15) von Gordan Savic?ic? und Bengt Sjölén.
zvg

«Re/public – öffentliche Räume in digitalen Zeiten». So heisst die durch Podien und Workshops ergänzte kleine Kunstausstellung, die Stefanie Marlene Wenger, Roland Fischer und Raffael Dörig im Käfigturm eingerichtet haben; als erste Eigenproduktion des Forums seit der Neulancierung Anfang Jahr. Passend – der ehemalige Wachturm war ein gebauter Knotenpunkt in einem Informationsnetzwerk. Und passend auch, weil das Politforum den virtuellen Strukturen im Internet einen realen Raum entgegensetzt, sich selbst nämlich, in dem Menschen von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen und somit die Grundbedingung des Politischen demonstrieren. Etwas, von dem man noch nicht weiss, ob es im Digitalen überhaupt möglich ist.

Eine neue Aufklärung

Das zeigte sich zum Beispiel am Donnerstagabend, als die Frage diskutiert wurde, ob das Internet komplett von kommerziellen Interessen durchdrungen und zu einer einzigen globalen Shoppingmall geworden sei. Die Netzaktivistin und Künstlerin Kathia von Roth fertigt nicht kommerzielle Community-Software; die Entwickler Dominique Gaschen und Roman Kasinski hingegen würden gern Geld verdienen im Netz, und der bei der PR-Agentur Farner tätige Markus Maurer sieht in einem pragmatischen Optimismus angesichts der Kommerzialisierung mehr Chancen als Gefahren.

Der Philosoph und Mathematiker Dieter Mersch hingegen führte eine wohltuende Skepsis vor und wies auf den grundlegenden Unterschied zwischen Teilnahme und Teilhabe hin. Das Kommunikationsnetzwerk Internet fordere die Nutzer zur Teilnahme auf, gerade unter kommerziellen Gesichtspunkten; sei es als Konsumenten oder als Datenlieferanten. Teilhabe im Sinne von verteilter Verantwortung sei hingegen nicht vorgesehen, was Politik als ethisch konditionierte gemeinsame Sache von vornherein verhindere.

Mersch plädierte deshalb für eine neue Aufklärung, um dem mathematisch-ökonomischen ein anderes Menschenbild entgegenzustellen, das nicht von der Technik diktiert sei. Mersch und von Roth führten das am Beispiel der sogenannten sozialen Medien aus, die unserer Kommunikation mit Maschinen den Anschein einer Mensch-Mensch-Kommunikation geben. Zwar stehen wir mit Menschen in Kontakt, aber eben unter den reduktiven Bedingungen der Maschine.

Welche politischen Auswirkungen

es hat, wenn Menschen und Maschinen solche Verbindungen eingehen, ist das Thema der Ausstellung im Käfigturm. Betritt man sie, befindet man sich sofort im Einflussbereich der Maschinen. Yvon Chabrowskis und Nicolás Rupcichs Installation erfasst die Anwesenden und verwandelt ihr Abbild auf einem Bildschirm in schwarze Schemen, als wäre die eigene Existenz ausgelöscht.

Die Installation «Where have you been» von Lasse Scherffig würde auf die Wifi-Daten der Mobiltelefone des Publikums zugreifen und wäre so in der Lage, sofort ein Bewegungsprofil sichtbar zu machen. Umgekehrt gehen Gordan Savic?ic? und Bengt Sjölén vor, die dem Handy vorgaukeln, sich an einem anderen Ort auf der Welt zu befinden (Bild). Vorgaukeln würden, muss man auch in diesem Fall sagen, denn beide Hacker-Installationen funktionieren nicht. Vielleicht sind die Mauern des alten Turms doch zu dick. Oder das Netzwerk hier ist zu gut geschützt.

Wir sind bloss Augenzeugen

Enttäuschend ist auch die ausgestellte Kunst – was nicht bedeutet, dass sie schlecht ist. Doch die relationale Ästhetik solcher Werke richtet sich gar nicht an uns, sondern an unsere Geräte. Wir sind bloss Augenzeugen einer spielerischen Interaktion zwischen Maschinen. Vielleicht ist das Betrachten dieser Art von digitaler Kunst deshalb so unbefriedigend, weil sie uns nur noch kleine, einsame Aha-Momente überlässt, als wären wir Geister in einer für uns verschlossenen Welt.

Geister machen aber keine Politik. Und sie haben keine Geschichte. Dieter Mersch unterschied denn auch den «historischen Raum», in dem wir leben, von den ahistorischen, vom «Fetisch der Gegenwärtigkeit» geprägten Netzwerken des Digitalen, die eigentlich gar keine Räume sind. Welche politischen Ideen dort entstehen, zeigen die zwei sehenswerten Filme «60 Million Americans Can’t Be Wrong» und «The Seasteaders»: Anarcho-kapitalistische Aussiedlerfantasien treffen auf neosozialistische Cloud-Utopien.

Was sie verbindet, ist die Ablehnung der Geschichte und ihrer politischen Errungenschaften. Als würden sich Menschen nicht seit Jahrtausenden Gedanken darüber machen, wie sie sich organisieren sollen. Und als wären dabei nicht schon ein paar Ideen herausgekommen; unvollkommene zwar, aber manchmal ganz nützliche. Wie zum Beispiel jene, sich in einem alten Turm zu treffen und über das Politische zu reden.

«Re/public – öffentliche Räume in digitalen Zeiten», bis 7. Juli

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