Garten Eden unter Strom

Während es im Boga kreucht und fleucht, spielt elektronische Musik: Das ist das Konzept von Les Digitales.

«Das Ziel ist, experimentelle Musik in den Tag hinein und unter die Leute zu bringen»: Das Festival Les Digitales holt die Musik aus dem Club.

«Das Ziel ist, experimentelle Musik in den Tag hinein und unter die Leute zu bringen»: Das Festival Les Digitales holt die Musik aus dem Club.

(Bild: Pascal Greuter)

Es ist nicht so, dass sie die Medienpräsenz brauchen würden, die beiden Herren, die da im Halbschatten auf einer von Berns schönsten Terrassen sitzen. Natürlich freuen sich Michael Meienberg und Matthias Hügli über die Aufmerksamkeit.

Aber das Les Digitales, wie das von ihnen, Mich Moser und Roger Stucki organisierte Festival heisst, war letztes Jahr auch ohne grosse Erwähnung in den Medien mehr als gut besucht. Es startet nachmittags um vier Uhr und präsentiert bis zum Sonnenuntergang querbeet elektronisch-akustisch erzeugte Musik.

Es lebt vor allem für und vom Laufpublikum, das eingeladen ist, in Liegestühlen Platz zu nehmen. Letztes Jahr waren zu den besten Zeiten etwa 500 Menschen auf einmal im Botanischen Garten, wo der Anlass stattfindet. Wir trinken Kaffee und schützen uns vor der Sonne, während Meienberg und Hügli einen Überblick über ihr Schaffen geben.

Meienberg ist unter eben diesem Namen als Musiker unterwegs, mag es musikalisch dunkel, mit gedrosseltem Tempo und ist unter anderem Mitglied der Formation Volca Massaker Orchester. Hügli hat sich dem Sampling und Field Recording verschrieben, ist aber heute mehr Label-Inhaber als Musiker.

Wie viele Fäden die beiden im Berner Musikgeschehen schon gezogen haben, können sie selbst nicht mehr so ganz nachverfolgen. Meienberg und Hügli haben zuerst gemeinsam Musik gemacht und dann im Jahr 1999 ihr Plattenlabel Everest Records gegründet. Ihr Plan war klassisch: lieber eine eigene Plattenfirma führen, als darauf zu warten, von einer entdeckt zu werden.

Im besten Fall düster

Heute betreut Everest Records 52 Bands und Projekte. Die Musik ist oft experimentell, darf gerne mit elektronischen Mitteln aufbereitet sein und ist im besten Falle düster. Irgendwann haben die beiden dann das Les Digitales entdeckt, ein Festivalkonzept aus Lausanne, das mittlerweile in sieben Schweizer Städten stattfindet und vor zwölf Jahren von Nicolas Bonstein gegründet wurde.

Es war ein gemeinsamer Freund, der an der Uni Bern gearbeitet, sich in den Botanischen Garten verliebt und ihn als Schauplatz für eine Berner Les-Digitales-Ausgabe erkannt hat. Elektronische Musik in der Natur statt im muffigen Club? Eine frische Idee, fanden Meienberg und Hügli.

«Das Ziel ist, experimentelle Musik in den Tag hinein und unter die Leute zu bringen», sagt Hügli. Und Meienberg ergänzt: «Wir wünschen uns, dass Spaziergänger, Rentner und Eltern mit ihren Kindern halt bei uns machen. Menschen, die sich solche Musik vielleicht gar nie anhören würden. Und wenn ihnen die Lust vergeht, können sie ungeniert wieder gehen.»

«Unser Dogma ist, dass alle Künstler die gleiche Gage erhalten, jedes Projekt nur an einer Ausgabe auftritt und es keine Headliner gibt», sagt Meienberg. Deshalb ist auch nicht bekannt, wann welcher Act spielt.

Gleiches Recht für alle

Dieses Jahr sind es zehn Projekte und Bands aus sieben Schweizer Städten, die je eine halbe Stunde lang ihre Musik präsentieren: Da wäre etwa der Welsche Produzent Yannick Barman alias Stalker, den man auch aus dem Projekt Kiku kennt, für das er den Einstürzende-Neubauten-Frontmann Blixa Bargeld gewinnen konnte.

Am zugänglichsten ist die Musik der Tessinerin Joana Aderi alias Sissy Fox Solo, aus deren Geräten pop-affine Lieder sprudeln und die eine der wenigen ist, die auch ihre Stimme einsetzt. Dann gibt es industrielle Elektronika-Kostbarkeiten des Lausanners Cyril Monnard alias L’ogre-fantôm.

Aus Bern vertreten sind Dirty Purple Turtle (discoide Starkstrom-Lieder mit Schlagzeug) und Ramon Bischoff; er tritt unter seinem Pseudonym Arem auf und bringt einen Hybriden aus Improvisation und fixem Plan auf die Bühne: «33345» heisst seine Idee, in der er mit Tempi und Plattenspielern experimentiert. Das klingt dann in etwa wie ein Drohnenangriff.

Was auffällt: Da sind bloss zwei Frauen dabei: Sissy Fox und Maria Capelli, die bei Inoblivion, dem Projekt des Berners Roger Stucki, Piano spielt. «Darauf werden wir oft angesprochen», sagt Meienberg. «Wir haben schon die Initiative gestartet, damit sich das ändert. Aber mit einer Quote wollen wir nichts am Hut haben.»

Sowieso seien von rund 150 Anmeldungen kaum zwanzig Frauen darunter. «Und wenn du aus nur sehr wenigen Acts auswählen kannst, sinkt die Chance auf gute Qualität», sagt Meienberg. «Aber die Frauen sind herzlich willkommen, sich zu bewerben!», versichert Hügli.

Madonna und der Glitch

Heuer findet die siebte Ausgabe des Berner Les Digitales statt. Die beiden haben also einen veritablen Überblick über die Szene. Wie hat sie sich gewandelt? «Alles ist offener geworden, die Stile verschmelzen», sagt Meienberg.

Hügli findet: «Was früher noch als experimentelle Musik galt, geht heute als Pop durch.» «Genau!», sagt Meienberg, «Glitch-Elemente waren einmal Avantgarde, lassen sich mittlerweile aber auch in Madonnas Liedern finden.» Und wie sieht es aus mit dem Label: Würden sie heute noch jemandem empfehlen, eines zu gründen?

Meienberg lacht. «E huere länge Schnuuf» müsse man haben. Den haben die beiden jedenfalls. Im Dezember steht nämlich der nächste Anlass an, den sie organisieren: Adv3nt heisst der. Aber glücklicherweise ist jetzt erst mal noch Sommer.

Botanischer Garten Sa, 20. 8., ab 16 Uhr.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt