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Ferien oben ohne

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs will nichts von den Waden von Frau Merkel wissen.

MeinungRegula Fuchs

Es waren verstörende Bilder. Aufnahmen, die einem lange nicht aus dem Kopf gingen. Doch die Zeit war gütig, allmählich kehrte Ruhe ein im ästhetischen Empfinden. Bis vor ein paar Tagen – als er wieder zuschlug.

Zuerst meinten wir ja, es handle sich um einen Fleischkäse mit Sonnenbrille, aber nein, es war Wladimir Putin, der sich in seinen Abenteuerferien wieder einmal mit nacktem Oberkörper ablichten liess. Dieses Mal nicht als stolzer Reiter, sondern als «toller Hecht» («Zeit», «Süddeutsche», «Blick am Abend»), an dessen Angelhaken ein fetter Fisch baumelte. Petri Unheil!

Es sind dies ja Zeiten der Nonstop-Bilderproduktion, in denen schon Vorschüler wissen, wie man sich medial günstig in Pose wirft. Da sind Väterchen Wladimirs Oben-ohne-Fotos, die seine Potenz als Potentat unterstreichen sollen, hart an der Peinlichkeitsgrenze. Schlicht unvorstellbar, wenn Putins On-and-off-Buddy Donald Trump auf ähnliche Ideen käme. Oder Angela Merkel ihre wandergestählten Waden medienwirksam in Szene setzte.

Schweizer Magistraten benehmen sich in ihren Ferien in der Regel viel unauffälliger. Wenn die Berner Kantonspolizei nicht gerade versehentlich die exakten Angaben zu Johann Schneider-Ammanns Feriendomizil an die Medien verschickt (kein Witz), weiss ja meist gar keiner, wo sich die Bundesräte sommers genau aufhalten. Da gibt es höchstens den einen oder anderen Schnappschuss von Doris Leuthard beim Einkaufen in einem grenznahen italienischen Lebensmittelgeschäft. (Woraufhin sie sofort als Tessiner Dorflädeli-Meuchlerin beschimpft wurde.)

Beunruhigend waren indes die Fotos, die uns von Johann Schneider-Ammann erreichten: Geschützt mit Helm und verspiegelter Brille, kurvte der Wirtschaftsminister auf einem Miniatur-Raupenfahrzeug vor dem Bundeshaus herum. Dem Vernehmen nach soll er sich auf eine längerfristige Mission vorbereitet haben, um Handelsbeziehungen mit dem Mars aufzubauen. Und das in seinen Ferien, Chapeau! Untätig ist auch Donald Trump nicht: «This is not a vacation – meetings and calls», twitterte er aus dem Luxusresort in New Jersey. Daneben verbringt er seine Zeit damit, gleichzeitig Golfbälle ins Loch und Tweets ins Fettnäpfchen zu platzieren. Das nennt man dann ein Handicap.

Aber nun unterbrechen wir ganz kurz für eine dringende Mitteilung: In der Zwischenzeit hat sich nämlich die Bundeskanzlei gemeldet und betont, dass die Schweizer Bundesrätinnen und -räte zwar durchaus in den Ferien weilen, aber von Gesetzes wegen trotzdem immer erreichbar sein müssen, um die Regierungstätigkeit jederzeit sicherzustellen, falls es zu politischen Krisen, Naturereignissen oder technischen Zwischenfällen käme. Und wie ich gerade von der Regie höre, hat auch Moritz Leuenberger angerufen und ausrichten lassen, er sei zwar nicht mehr Bundesrat, aber in seinen Ferien auch stets erreichbar, falls die Medien eine Stellungnahme zu irgendetwas wünschten. Vielen Dank, Herr Leuenberger.

Nun denn, wir haben hier mit einem Bild angefangen und wollen auch mit einem Bild aufhören. Es ist im Internet zu sehen und zeigt den damaligen Bundesrat Pierre Aubert 1979 mit seiner Frau Anne-Lise auf dem Campingplatz Al Sole in Meride. Die beiden sitzen auf Klappstühlen an einem Klapptischchen neben einem klapprigen Zweierzelt, vor sich Zeitungen, Papiere und Kaffee. Unaufgeregt, bescheiden, souverän. Und vor allem: leger, aber ordentlich angezogen. Wir werden dieses Foto bei Gelegenheit Wladimir Putin zukommen lassen.

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