Fatalismus und Faserpelze

So unterhaltsam wie die schärfste Stand-up-Comedy: Christoph Simons neues Bühnenprogramm «Zweite Chance» im La Cappella.

Ein grossartiger Geschichtenerzähler, der sich einen Abend lang kaum von der Stelle bewegt.

Ein grossartiger Geschichtenerzähler, der sich einen Abend lang kaum von der Stelle bewegt.

(Bild: Christoph Hoigné)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Ein Komiker ist Christoph Simon nicht wirklich. Dazu fehlen ihm die Nummern, die Spässe, die lustigen Dialekt-Imitationen. Ein Slam-Poet steht auch nicht auf der leeren Bühne im La Cappella, dafür wirkt er zu wenig ambitiös. Ein Spoken-Word-Künstler vielleicht? Wobei, die sitzen meistens und lesen doch immer ab. Aber was ist Christoph Simon dann?

Die Frage stellt sich, weil hier nicht nur ein mehrfach preisgekrönter Autor, sondern auch ein zweifacher Schweizer Meister im Poetry-Slam sein neues Bühnenprogramm zeigt. Wie in seinem ersten Solostück «Wahre Freunde» verzichtet Simon auch in «Zweite Chance» auf jegliche Requisiten und bewegt sich den ganzen Abend kaum von der Stelle. Der Gestaltungswille fehlt selbst bei der Darbietung: Die Sätze klingen abgelesen und so monoton wie bei einem Schüler, der von der Lehrkraft gezwungen wurde, ein Gedicht zu rezitieren.

Das hat Methode. Denn «Zweite Chance» ist so unterhaltsam, als sähe man schärfste Stand-up-Comedy. Zum einen liegt das eben an Simons unterkühlter Sprechweise, bei der selbst ein platter Frauenwitz seine grösstmögliche Wirkung entfaltet. Und zum anderen daran, dass er die Schilderungen eines Familienvaters, der noch in einer WG lebt, mit der Bitterkeit eines Selbstmitleidigen vorträgt. So bedauernswert das klingt, so komisch ist es.

Das Spiel mit den Fallhöhen

Stur nennt er seine alternierenden Mitbewohner der Einfachheit halber alle Freddy. Vatertag ist ihm ein Graus, da muss er seinen Sprösslingen Freude über ihre Geschenke vorheucheln. Und als der Sohn im Zoo ins Seehundbecken fällt, ist es ihm peinlich. Bald wird klar: Unreif ist hier nur einer. Seine Kinder hingegen stellt man sich als kleine Erwachsene vor, die mit Sorgenfalten auf den Stirnen ihren überambitionierten Erziehungsberechtigten bei den ausufernden Vorbereitungen zum Kindergeburtstag beobachten.

Zwischen den Albernheiten aber bricht auch mal Simons fatalistische Weltbetrachtung durch. Dann sinniert er etwa über die strengen Gesetze des Universums, die ihm zweite Chancen im Leben verunmöglichen; zum Beispiel, als er sein Baby im Zug vergisst. Denn die Zeit, sie lasse sich bekanntlich nicht zurückdrehen. Das grenzt dann schon an Hobby-Philosophie. Aber weil Simon das Spiel mit den Fallhöhen beherrscht, lässt er Kitschmomente auch schnell wieder abstürzen.

Und bald folgen wieder die unbequemen Situationen, in die er sich aus Bockigkeit hineinmanövriert hat. Dann verirrt er sich im Wald, weil er seine Familie beim Spazieren heimlich überholen wollte. Doch man lacht bei Simon nicht nur über seine Missgeschicke. Sondern auch, weil man sich in seiner kleinen Welt nur allzu gut auskennt. Klemmende Reissverschlüsse an Faserpelzen gehören ebenso dazu wie «Schweizer Familie»-Feuerstellen oder Damen, die in der Altstadt eine Boutique betreiben.

In solchen Momenten wird deutlich, was Christoph Simon tatsächlich ist. Ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler.

Weitere Vorstellungen bis 29. Oktoberwww.la-cappella.ch

Der Bund

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