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Erleuchtungen

«Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury erklärt, was die Suva mit Shiva gemein hat.

Ostern ist vorbei. Ich schaue die buddhistische Gebetsmühle an und sinniere darüber, ob die Auferstehung Jesu auch als eine Wiedergeburt verstanden werden kann. Allerdings sehen ja die Buddhisten die fortwährende Wiedergeburt als leidvoll. Im Christentum ist die Auferstehung Christi und die Aussicht auf das ewige Leben im Jenseits ein Anlass zur Freude. Der Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und damit das Eingehen in das Nirvana ist hingegen das erklärte Ziel im Buddhismus.

Wie komme ich nur auf solch theologisch abschüssiges Terrain? Auf unserem Terrassentisch steht seit einigen Monaten eine kleine solarbetriebene Gebetsmühle. Sie ist das Mitbringsel einer Nepal-Reisenden aus dem Familienverband. Sanft schnurrend bewegt sie sich im Uhrzeigersinn – die Gebetsmühle, nicht die Nepal-Reisende – und erinnert einen daran, dass wir alle mehr oder weniger auf dem Weg zur Erleuchtung sind. Neben der Gebetsmühle thront übrigens Ganesha, der hinduistische Elefantengott. Auch er hat den weiten Weg von Nepal zu uns gefunden. Warum Ganesha einen Elefantenkopf hat, das weiss meine Tochter ganz genau. Sie hat heute in der Schule eine Prüfung zum Thema Weltreligionen. Da geht es um Religionsstifter und Jenseitsvorstellungen, um Fest- und Feiertage und um die heiligen Schriften. Das alles hat sie fein säuberlich tabellarisch aufgeschrieben.

Ich habe auch einiges gelernt oder zumindest verblasstes religiöses Wissen wieder aufgefrischt. Zum Beispiel eben die Geschichte mit dem Elefantengott, im Kern geht es da um Eifersucht und häusliche Gewalt. Der Gott Shiva hatte viele Jahre im Himalaja meditiert. Nach seiner Rückkehr schlug er Ganesha den Kopf ab; dieser war nämlich während seiner Abwesenheit von der einsamen Göttin Parvati, Shivas Frau, aus Lehm geformt und zum Leben erweckt worden. Nun war Parvati traurig. Der temporäre Gefährte war tot, der abgeschlagene Kopf blieb verschwunden. Deshalb versprach Shiva, Ganesha den Kopf des ersten Wesens zu geben, das seinen Weg kreuzte. Das war ein Elefant.

Der ganze Lernstoff zum Thema «Weltreligionen» schien mir allerdings etwas gar faktenhuberisch und reichlich unsinnlich vermittelt. Praktische Anschauung tat not. Wir fuhren deshalb nach Bern. Das 2014 eröffnete Haus der Religionen wird von kulturellen und religiösen Gemeinschaften aus der Stadt und dem Kanton Bern genutzt. Das Gebäude steht an einem nicht besonders attraktiven Ort: in einem Dreieck zwischen der Autobahn und der Bahnlinie am Europaplatz, unmittelbare Nachbarn sind eine Denner-Filiale und ein Subway-Schnellimbiss. Aber letztlich zählen Glaubensinhalte, nicht wahr?

Die Hauptpforte flankieren Eingänge in den Hindutempel und in die Moschee. Im Hindutempel sehen wir neben anderen Gottheiten auch Ganesha wieder, den Elefantengott. Der höchste Tempel im Raum ragt vorne aus dem Dach heraus. Warum das so ist? Dieser architektonische Kniff erlaubt es eiligen Gläubigen, so erfahren wir von einem tamilischen Priester, auch aus der Ferne via Blickkontakt zu beten. Er ist überhaupt ein interessanter und hochgradig sympathischer Mensch, gleichzeitig Sterbebegleiter für Hindus im Inselspital und diplomierter Wirt, der das ayurvedische Restaurant im Erdgeschoss führt. «Ich weiss jetzt alles über das Fleischliche», sagt er lachend, «obwohl ich es in meiner Küche nie brauche.» Der Dialog der Kulturen und Religionen verlange viel Geduld und Kompromissbereitschaft. Ein Beispiel? Für die Einrichtung des Hindutempels waren indische Künstler engagiert worden, die – aus Respekt vor der heiligen Stätte – barfuss und ohne Helm auf den zehn Meter hohen Gerüsten wirkten. Das rief dann prompt die Suva auf den Plan.

Schliesslich einigte man sich im Dialog unterschiedlicher Sicherheitskulturen darauf, dass oben auf dem Gerüst, dort wo einem nichts mehr auf Kopf oder Füsse fallen kann, helmlos und barfuss gearbeitet werde dürfe, nicht aber in den unteren, irdischen Regionen. Um Kompromisse ging es dann auch im buddhistischen Meditationsraum, wo meine Tochter feststellte, dass dieser Buddha irgendwie komisch aussehe, weder sei er ein dickbäuchiges, gemütliches Exemplar noch die feingliedrige, asketische Variante. Die anwesende Zen-Lehrerin bestätigte den Eindruck. Tatsächlich habe man diesen Buddha mit der Auflage in Auftrag gegeben, eine Art ethnische Schnittmenge zu bilden, sodass sich Buddhisten von Thailand bis Südkorea darin wiederfinden könnten.

Am meisten aber hat meine Tochter beeindruckt, dass im Haus der Religionen ein weltweit einzigartiger Reform-Hinduismus praktiziert wird: Es gibt dort nämlich auch weibliche Priesterinnen. Als die Muslime von der Moschee nebenan die Hindus zu einer Zeremonie eingeladen hatten, wollten sie zuerst die Priesterinnen partout nicht auf dem für Männer reservierten Weg in den Gebetsraum lassen. Die Hindus blieben jedoch standhaft. Der Imam willigte schliesslich nach einer gewissen Bedenkzeit ein – und die Priesterinnen durften mit den Männern einziehen. «Das ist doch auch eine Art Erleuchtung», befand meine Tochter anerkennend.

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