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«Einwandfreie nationalsozialistische Haltung»

Ein neues Buch zitiert bislang unbekannte Beurteilungen aus Helmut Schmidts Wehrmachtsakte – und entfacht die Diskussion um seine Gesinnung im Dritten Reich neu.

Bekannte Pose: Helmut Schmidt raucht 2011 während einer Veranstaltung in Berlin.
Bekannte Pose: Helmut Schmidt raucht 2011 während einer Veranstaltung in Berlin.
Reuters
Wenn einer rauchen darf, dann Helmut Schmidt: An einer Tagung in Berlin wurde ein Tisch mit Aschenbecher für den Altkanzler bereitgestellt.
Wenn einer rauchen darf, dann Helmut Schmidt: An einer Tagung in Berlin wurde ein Tisch mit Aschenbecher für den Altkanzler bereitgestellt.
Reuters
Zwei überraschte Gesichter: Schmidt und Leonid Breschnew (r.) 1980 im Kreml.
Zwei überraschte Gesichter: Schmidt und Leonid Breschnew (r.) 1980 im Kreml.
Reuters
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War ausgerechnet Helmut Schmidt, deutscher Ex-Kanzler und Vierteljude, Anhänger der Nazis? Mit dieser Frage beschäftigt sich der «Spiegel» in seiner neusten Ausgabe. Das Magazin bezieht sich dabei auf eine neue Biografie über den 95-Jährigen. In «Helmut Schmidt und der Scheisskrieg» beleuchtet die Journalistin Sabine Pamperrien mithilfe von Akten des Freiburger Militärarchivs Schmidts Leben im Dritten Reich.

«Scheisskrieg» hat Schmidt den Zweiten Weltkrieg immer wieder genannt – laut Pamperrien wurden dem 23-Jährigen im Jahr 1942 aber «Organisationstalent», ein «Sichdurchsetzen in schwierigen Lagen», «gute dienstliche Leistungen» attestiert. Weiter zitiert sie aus den Akten: «Steht auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung und versteht es, dieses Gedankengut weiterzugeben.» Später hiess es: «einwandfreie nationalsozialistische Haltung» (1943), «nationalsozialistische Haltung tadelfrei» (1944).

Gegner der «Weissen Rose»?

War Helmut Schmidt Nazi-Sympathisant, war er Mitläufer wie so viele andere oder hatte er – wie selbst behauptet – früh mit dem Nationalsozialismus gebrochen? Die alte Diskussion, die schon 1975 vom CSU-Politiker und Schmidt-Widersacher Franz-Josef Strauss befeuert wurde, ist neu entfacht. So zitiert der «Spiegel» auch die Deutschlehrerin des jungen Helmut Schmidt, die einst sagte, er sei ein Gegner der Widerstandbewegung «Weisse Rose» gewesen, in der sie Mitglied war.

Was verbürgt ist: Schmidt trat 1933 in die Hitlerjugend ein. Nach seinem Abitur im März 1937 und einem halbjährigen Arbeitsdienst wurde er als Soldat nach Bremen, Berlin, Russland und schliesslich als Oberleutnant an die Westfront kommandiert. Aus britischer Gefangenschaft kam er schliesslich 1945 zurück in seine Heimatstadt Hamburg. Letztlich geht es in der Debatte um die Frage, wann Schmidt mit den Nazis gebrochen hat. Eine Rekonstruktion dieses Datums ist schwierig. Schmidt selbst nennt in seinen Aufzeichnungen, die er 1945 in Kriegsgefangenschaft verfasste, die «endgültige Abkehr von Idee und Praxis des NS» auf 1942. Gemäss den Notizen empfand Schmidt aber bereits 1938 «Scham über die Judenverfolgung», und für 1939 notierte er eine «klare Kontra-Stellung zum N.S.».

Historiker relativieren

Erwähnt werden im «Spiegel» auch Einschätzungen von Historikern sowie des Freiburger Militärarchivs. Sie relativieren den Aussage- und Informationswert der Beurteilungen, wie sie von Schmidts Vorgesetzten vorgenommen wurden. «Einwandfreie nationalsozialistische Haltung» habe es vielfach in Personalunterlagen gegeben. Das würde über die «wahre politische Einstellung» des jeweiligen Soldaten nichts aussagen.

Offenbar hat sich Schmidt inzwischen eine Kopie seiner Wehrmachtsakte zuschicken lassen. Eine Zusage an Pamperrien, Einblick in sein Privatarchiv zu erhalten, hat er nach «Spiegel»-Angaben zurückgezogen. Kommentieren will er ihr Buch nicht. Doch im Frühling 2015 erscheint seine Autobiografie «Was ich noch sagen wollte». Darin soll auch eine Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus vorkommen.

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