Wo Charlie einst seine Schuhe frass

Oberhalb von Vevey steht ein Gedenkpark zu Ehren von Charlie Chaplin kurz vor der Fertigstellung.

Denkmal für die Ewigkeit: «Chaplin’s World» in Corsier.

Denkmal für die Ewigkeit: «Chaplin’s World» in Corsier.

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Der Tramp Charlie oder Charlot, wie sie in der Romandie sagen, dieser noble kleine Mann, blickt ja schon lange und wie für die Ewigkeit bei Vevey über den Genfersee. Ikonografisch in Bronze gegossen, mit seiner Melone und dem elegant gebogenen Stöcklein erinnert er an seinen Erfinder, Charles Spencer Chaplin (1889–1977), der in der Erinnerung immer so aussehen wird, aber natürlich auch ein Zivilleben hatte. Die letzten 25 Jahre davon hat er in Corsier-sur-Vevey, auf der Höhe über dem See verbracht, gebrechlich am Ende, zeitweilig auch von Depressionen gequält, solange es ging jedoch ständig kreativ, auch sehr gastfreundlich und mit fröhlichen Neigungen zu Fondue, Kirsch und Fischfang.

Dieser bürgerliche Privatier und sein künstlerisches Geschöpf, Charlie, und all die Geschöpfe, die er filmisch dazuerfand, die zarten Frauen und groben Polizisten, sollen nun in Corsier ein wirkliches Denkmal für die Ewigkeit bekommen: «Chaplin’s World». Sie wird das sorgfältigst renovierte Wohnhaus der Familie Chaplin umfassen, ein aris­to­kra­tisches, denkmalgeschütztes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert; ausserdem den Park mit dem alten Baum-bestand, der dem Hausherrn am Herzen lag; ein ganz Charlies Filmen gewidmetes Museum, das eigentlich ein «imaginäres Studio» sein wird; sowie ein Ökonomiegebäude fürs Besucherrestaurant und ausreichend Parkplätze. Hinter dem Unternehmen stehen die Grévin-Museen (eine Museums-«Marke», berühmt für ihr Pariser Wachsfigurenkabinett), das internationale Freizeitunternehmen Compagnie des Alpes, die Luxemburger Gesellschaft Genii Capital und der Kanton Waadt, und für die budgetierten 60 Millionen Franken kann man sich schon etwas leisten: Wenn «Chaplin’s World» am 17. April eröffnet wird, soll sie ein Erlebnisparcours, ein aktiv bespielter Kulturraum, eine begehbare Chaplin-Enzyklopädie, ein dreidimensionaler Film und ein ständiger Anlass zu Vergnügen und Rührung sein.

Das Stöcklein fehlt noch

Die Eindrücke auf einem Presserundgang, zu dem freundlich geladen wurde, waren noch durchaus rhetorisch. Noch ist Chaplins Villa, das «Manoir de Ban», eine unmöblierte Renovationsbaustelle. Noch finden sich in den vornehmen Räumen keine originalen Memorabilien und intimen Familienbilder. Die interaktive Informationstechnik ist noch nicht betriebsbereit, die Bibliothek ungefüllt, und auch die Wachsfiguren von Albert Einstein und Winston Churchill, Chaplins berühmten Freunden und Besuchern, fehlen. Nicht einmal ein Erinnerungs-Bambusstöcklein in einer Ecke. Man könnte nicht sagen, Chaplins private Seele sei bereits zu spüren. Aber man wird sie spüren, versprachen Yves Durand und François Confino, die Entwickler und Szenografen: in einer authentischen und heiteren «Interpretation der Originalzustände».

Im «Studio», wo es den Filmen gilt, sah man bereits etwas mehr. Nichts Bewegtes, nicht das angekündigte chaplineske Lichtspiel, aber doch zum Beispiel die Hütte aus «The Gold Rush» (1925), wo Charlie einst seine Schuhe frass und die Schuhnägel wie Knöchlein abnagte in einer Szene, die die komische Logik auf eine ganz neue Höhe trieb. Und jetzt glauben wir das einfach mal: dass ab dem 17. April die Besucher von «Chaplin’s World» den Eindruck haben werden, «als würden sie von Charlie Chaplin selbst, dem Menschen und Humanisten, freundlich empfangen» (Yves Durand). Und dass man mit eingestimmter Fantasie auch den lebendigen Geist des Tramp seiner Wege watscheln sieht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.03.2016, 17:49 Uhr

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