Javier Marías verteidigt Nazivergleiche

Der spanische Autor findet es legitim und notwendig, auf Parallelen zwischen damals und heute hinzuweisen.

Der bekannteste spanische Autor der Gegenwart: Javier Marías, letztes Jahr in Madrid. (Foto: Eduardo Parra/Getty Images)

Der bekannteste spanische Autor der Gegenwart: Javier Marías, letztes Jahr in Madrid. (Foto: Eduardo Parra/Getty Images)

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Jetzt hat es also auch der britische Aussenminister Boris Johnson getan, und er wird nicht der Letzte gewesen sein. Am Mittwoch meinte ein Labour-Abgeordneter im britischen Parlament, Wladimir Putin werde die diesjährige Fussball-WM nutzen, «wie Hitler die Olympischen Spiele 1936 nutzte». Worauf Boris Johnson sich zunächst in etwas gewundenen und holprigen Formulierungen verlor («Die Weltmeisterschaft, in allen Bereichen, ja, ich glaube …»), um dann zu antworten: Der Vergleich zwischen der Olympiade 1936 in Berlin und der Fussball-WM 2018 in Russland sei «sicher richtig».

Attackiert Russland: Boris Johnson vor dem britischen Parlament. Foto: PA/AP/Keystone

Ein Nazi- bzw. Hitlervergleich also, wieder einmal. Nun kann man das abtun, indem man sich sagt, unter der Schädeldecke des britischen Aussenministers gehe es genauso chaotisch zu und her wie darauf. Aber Nazivergleiche sind nicht nur bei Politikern so häufig, dass es sich durchaus lohnt, wieder einmal auf dieses beliebte rhetorische Stilmittel einzugehen. Zumal sich in der Zeitung «El País» kürzlich der bekannteste spanische Schriftsteller, Javier Marías, zum Thema geäussert hat. Aber darauf kommen wir gleich.

Ist der Nazivergleich eine argumentative Nuklearwaffe oder ein jämmerliches intellektuelles Röcheln, ausgestossen von jemandem, dem gar nichts mehr in den Sinn kommt? Was man dem Nazivergleich gemeinhin vorwirft, sind zwei Dinge: Mass- und Pietätlosigkeit. Masslosigkeit, weil er einem Politiker oder einem Vorgang unterstellt, zumindest ähnlich schlimm, verbrecherisch, unmenschlich zu sein wie das Schlimmste, was in der Geschichte der Menschheit jemals passiert ist. (Oder etwas vom Schlimmsten, um dem an dieser Stelle üblichen Einwand vorzugreifen, Stalin habe noch mehr Opfer auf dem Gewissen, und der Gulag sei mit dem System der Konzentrationslager vergleichbar).

Die Opfer werden verhöhnt

Die Olympiade 1936 mit der Fussball-WM 2018 gleichzusetzen, bedeutet, Putin für fähig zu halten, einen Weltkrieg zu entfachen und Millionen Menschen zu vergasen. Das ist natürlich völliger Unsinn. Es bedeutet auch, Putins Opfer – und davon gibt es zahlreiche – und deren Leiden gleichzusetzen mit dem Leiden der Juden unter dem Naziregime. Wenn die Qualen von Putins Opfern vergleichbar sind mit jenen von KZ-Insassen, dann folgt daraus, dass letztere doch nicht so schlimm waren. Darauf stützt sich die zweite Kritik am Nazivergleich, jene der Pietätlosigkeit oder, um es mit einer in diesem Zusammenhang häufig gebrauchten Wendung zu sagen: «Die Verhöhnung der Opfer des Holocausts» (oder des Nationalsozialismus).

Nun aber zu Javier Marías, Publizist, Essayist und vor allem Autor von so schönen und hochgelobten Romanen wie «Mein Herz so weiss», «Morgen in der Schlacht denk an mich», «Schwarzer Rücken der Zeit». In der spanischen Zeitung «El País» schrieb Marías kürzlich, denkfaul seien nicht jene, die mit Nazivergleichen operieren. Sondern jene, die an die weit verbreitete Parole glauben, wonach «jeder, der in einer Diskussion Hitler oder die Nazis erwähnt, sofort ins Unrecht falle und nicht mehr ernst zu nehmen sei».

Mehr oder weniger von allen geteilte Einschätzungen in ihr Gegenteil zu verkehren, Beschuldigungen gegen jene zu drehen, die sie erheben, eine skandalträchtige Behauptung in der Öffentlichkeit flattern zu lassen wie der Torero sein rotes Tuch vor der Nase des Stieres – daraus haben einige Publikationen, Journalisten und Intellektuelle eine Art Geschäftsmodell gemacht. Javier Marías allerdings gehört nicht dazu, und deshalb schauen wir mit Interesse, wie er seine erstaunlich anmutende Verteidigung des Nazivergleichs begründet: indem er darauf hinweist, dass der Nazivergleich zu Unrecht vom traurigen Ende des Nationalsozialismus her verstanden und verurteilt wird. «Hitler und die Nazis waren nicht von Anfang an, was sie, wie wir alle wissen, am Ende wurden.»

Selbstinszenierung: Goebbels, Hitler und andere Nazigrössen bei den Olympischen Spielen in Berlin, August 1936. Foto: AP/Keystone

Laut Marías ist es legitim, den Nazivergleich auch auf die 1920er- und die erste Hälfte der 1930er-Jahre auszudehnen. «Heute lebende Figuren mit den Nazis zu vergleichen, bedeutet nicht zwangsläufig, zu behaupten oder auch nur zu insinuieren, dass es sich um Mörder handelt, sondern dass sie Taten vollbringen, Massnahmen ergreifen und Dinge sagen, die an die Nazis vor dem Völkermord und vor dem Krieg erinnern.» Aus dieser Perspektive kann der Nazivergleich laut Marías nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar notwendig sein, um vor solchen Tendenzen zu warnen. Einschränkend hält der Autor fest, dass er bei allzu leichtfertiger Anwendung seine Aussagekraft verliere und dass «Nazi» nicht zur Dutzendbeleidigung tauge.

Trump, Putin, Salvini

Hat Marías recht? Zumindest in Deutschland und wohl im ganzen deutschsprachigen Raum ist es schwer vorstellbar, die Assoziation mit Weltkrieg und Auschwitz durch eine chronologische Unterteilung gewissermassen aus dem Nazivergleich herauszufiltern, es sei denn, man tut dies jedes Mal explizit. Ob dies aus der ferneren spanischen Sicht anders ist, bleibe dahingestellt. Unter der genannten Einschränkung, also im Sinne eines «Nazivergleichs light», ist es jedoch tatsächlich legitim, auf Parallelen zwischen populistischen, autoritären, antiliberalen Entwicklungen der Gegenwart und den historischen Voraussetzungen hinzuweisen, die den Aufstieg des Nationalsozialismus begünstigten. Marías schreibt, das Tabu des Nazivergleichs komme jenen zugute, «die versuchen, den Nazis in einigen Aspekten nachzueifern». Es sei ein Schutzpanzer, der es ihnen erlaube, mit ihrem Treiben fortzufahren, ohne dass sich jemand getraue, sie zu verurteilen. Damit hat er recht.

Dass er seine Überlegungen auch mit dem katalanischen Nationalismus verknüpft, erscheint jedoch übertrieben, und wie er das tut, würde eine zusätzliche längere Betrachtung verlangen. Nachvollziehbar ist indessen, welche Politiker er als Beispiele nennt: Donald Trump, Wladimir Putin, Nicolás Maduro und Matteo Salvini. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2018, 20:23 Uhr

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