Zürichs Kampf für die letzte Hexe

Anna Göldi, die als Europas letzte Hexe in die Geschichte einging, war eine Zürcherin. Doch brachte Zürichs Fürsprache sie erst recht in Teufels Küche. Heute wird ihrer im Grossmünster gedacht.

Ein Porträt nach einem zeitgenössischen Steckbrief: Anna Göldi, gemalt von Patrick Lo Giudice.

Ein Porträt nach einem zeitgenössischen Steckbrief: Anna Göldi, gemalt von Patrick Lo Giudice.

(Bild: PD / Anna-Göldi-Museum Mollis)

Die Zürcher sind in dieser Geschichte die «good boys». So drückt sich Walter Hauser aus. Der Jurist hat in seinem Buch «Der Justizmord an Anna Göldi» die Vorkommnisse um den letzten Hexenprozess Europas untersucht und die bedeutende Rolle Zürichs ans Licht gebracht. Zürich hatte sich für die Frau eingesetzt, welche am 13. Juni 1782 in Glarus wegen «Verzauberung» eines achtjährigen Kindes geköpft wurde. Das ist der Grund dafür, dass die 2007 gegründete Anna-Göldi-Stiftung ihren Gedenktag dieses Jahr erstmals nicht in Glarus, sondern in Zürich abhält.

Anna Göldi war am 24. Oktober 1734 in Sennwald geboren worden. Die Rheintaler Gemeinde gehört heute zu St. Gallen, war aber damals zürcherisches Untertanengebiet. Anna Göldi war folglich Zürcherin und Mitglied der Evangelischen Kirche Zürichs. Und die Zürcher Behörden drückten sich nicht um die Verantwortung, als sich abzeichnete, dass in Glarus eine Frau aus dem Züribiet der Hexerei angeklagt wurde. Ihr wurde vorgeworfen, der Tochter ihres Dienstherrn Johann Jakob Tschudi ein Läckerli verabreicht zu haben, aus dem «Gufen» wuchsen, die das Kind danach unter Höllenqualen von sich gab.

Schandfleck Europas

Am 19. April 1782 fragte der Grossmünster Pfarrer Johann Rudolf Ulrich den Amtskollegen in Glarus, ob es tatsächlich «Männer von Rang und Namen» gebe, die sich von diesem «albernen Gedanken» leiten liessen? Und ob es wahr sei, dass der Magd die Hinrichtung drohe. «Das würde nicht nur Ihrem eignen Hochlöblichen Stande, sondern der ganzen Eidgenossenschaft und insbesondere auch unserer reformierten Kirche vor dem ganzen erleuchteten Europa zur grössten Schande gereichen.» Auch der Zürcher Bürgermeister zeigte sich ob der Ereignisse in Glarus besorgt.

Blütezeit des Hexenwahns war in Mitteleuropa die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er grassierte gleichermassen in katholischen wie in reformierten Gegenden. Historiker gehen heute davon aus, dass zwischen 40'000 und 60'000 Menschen als Hexen hingerichtet wurden. Vier Fünftel davon Frauen. In der Mitte des 18. Jahrhunderts waren Hexenprozesse allerdings selten, auch die Folter, die Anna Göldi noch erlitt, war vielerorts verpönt. In der Schweiz fanden, abgesehen vom Göldi-Fall, die letzten Hexenprozesse in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts statt. Der aufsehenerregendste 1701 in Zürich. In dem 278-Seelen-Dorf Wasterkingen wurden sieben Frauen und ein Mann wegen Hexerei zum Tod verurteilt. Dem Prozess ging ein Dorfstreit um Holzschlag und Weiderecht voraus, der ausser Kontrolle geriet.

Magd und kleiner König

Der Stand Glarus war keineswegs eine Hochburg der Hexenverfolgung. Dafür in fester Hand einiger Familien, die mit fast absolutistischem Machtverständnis regierten. Einer dieser kleinen Könige war Johann Jakob Tschudi, der Dienstherr Anna Göldis. Und ihm kam sie in die Quere, denn der 34-jährige Familienvater hatte aller Wahrscheinlichkeit nach ein Verhältnis mit seiner Dienstmagd – möglicherweise war sie sogar schwanger von ihm. Er musste sie loswerden, denn Ehebruch bedeutete in Glarus, aus der Ämterlaufbahn ausgeschlossen zu werden.

Dieser Umstand führte dazu, dass der nächste Schritt der Zürcher Regierung Anna Göldi erst recht in Teufels Küche brachte. Am 24. Mai 1782 bot Zürich den Glarnern an, Anna Göldi selbst und lebenslang in Gewahrsam zu nehmen und auch für ihren Unterhalt aufzukommen. Man hoffte sie damit vor der Hinrichtung zu retten – und erreichte das Gegenteil. Tschudi befürchtete, dass Göldi ihr unter Folter gemachtes Schuldgeständnis widerrufen könnte und die Gerüchte über ihr Verhältnis wieder Nahrung bekommen würden. Er erhöhte den Druck auf die Gerichte, die kurz darauf das Todesurteil sprachen und am 13. Juni auch ausführen liessen. Nicht ohne zuvor darauf bestanden zu haben, dass Tschudi ein «Persilschein» ausgestellt wurde, wie Walter Hauser formuliert.

«Halbherzige» Rehabilitation

Auf Betreiben von Walter Hauser hat der Glarner Landrat im August 2008 nach einigem Hin und Her Anna Göldi rehabilitiert. «Allerdings halbherzig», wie Hauser findet. Immer wieder höre er, man solle doch die Vergangenheit ruhen lassen. «Man soll aus der Vergangenheit lernen», widerspricht Nicole Lieberherr, die Präsidentin der Anna-Göldi-Stiftung. «Deshalb setzen wir uns auch für heutige Randständige, Minderheiten und Opfer von Willkür ein.»

Tages-Anzeiger

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