Ein Erlöser will er nicht mehr sein

Florian Burkhardt lebte als Topmodel, Internetpionier und Partyveranstalter auf der Überholspur – bis ihn eine Angststörung aus der Bahn warf.

«Das Gefühl, das Posieren früher in mir ausgelöst hatte, ist weg. Heute ist es nur noch ein Job:» Florian Burkhardt im Viererfeld in Bern.

«Das Gefühl, das Posieren früher in mir ausgelöst hatte, ist weg. Heute ist es nur noch ein Job:» Florian Burkhardt im Viererfeld in Bern. Bild: Franziska Rothenbühler

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Wir treffen uns im Café des Hotels Schweizerhof, direkt am Bahnhof Bern. Für Florian Burkhardt ist das auch Konfrontationstherapie. Dem 43-Jährigen wurde bereits alles Mögliche diagnostiziert: Schizophrenie, Narzissmus, Angststörung, Sozialphobie. «Ich muss täglich üben, unter Menschen zu sein», sagt Burkhardt, und man merkt schnell, dass dieser Mann es sich gewohnt ist, sein Innerstes zu offenbaren, gerade so, als spräche er über das Wetter.

Nachdem er als Snowboarder, Topmodel, Internetpionier und Partyveranstalter berühmt wurde, war es eben diese Ehrlichkeit, die ihn ein weiteres Mal ins Scheinwerferlicht rückte: Der Dokumentarfilm «Electroboy» zeichnete 2014 erstmals sein Leben auf der Überholspur bis zu seinem Aufenthalt in der Psychiatrie nach.

Daraufhin erschien das Buch «Das Kind meiner Mutter», in dem er seine Familiengeschichte aufarbeitet. Gezeugt als Ersatz für den Sohn, den seine Eltern bei einem selbst verschuldeten Autounfall verloren, wächst Burkhardt in streng religiösen Verhältnissen unter einer Glasglocke auf, ohne jeglichen Input von aussen und ohne Raum für eigenständige Entwicklung.

«Meine Mutter sah in mir den Heiland», sagt Burkhardt, und es mag eine Erklärung dafür sein, warum er sich später selbst mit ihm verglich: «Er (Jesus) hatte die Welt zu erlösen. Und nicht weniger hatte ich vor», steht an einer Stelle in seinem neusten Buch. Es trägt den Titel «Das Gewicht der Freiheit» und widmet sich der Zeit seines Aufbruchs, der gleichzeitig sein Ausbruch aus der traumatischen Kindheit war.

Als der Plan aufzugehen schien

Mit der festen Überzeugung zieht er nach Los Angeles, seiner Bestimmung als berühmter Schauspieler zu folgen, («Ich wollte kein Star werden, ich war bereits einer»), und erobert stattdessen als Model für Gucci und Prada die Laufstege von New York bis Mailand. «Ich war auf der Jagd nach meiner Bestimmung», sagt Burkhardt heute und nennt das Buch selbst ein Roadmovie, das diese Jagd nachzeichnet. Der Leser reist mit ihm nach Hollywood, in die Welt der Stars, und ist dabei, wenn er den Einflussreichsten aus dem Showbusiness den Kopf verdreht und abhaut, sobald ihm jemand zu nahe kommt. Sein Plan scheint aufzugehen: Wo er auch hinkommt, schafft er es ohne Anstrengung zu Ruhm und Erfolg. Bis seine Angst, von der er glaubte, sie Griff zu haben, mit Wucht zurückschlägt.

Seine Eltern mag er nicht so gerne

Vom Topmodel zum IV-Rentner», fassen die Medien seine Biografie heute oft zusammen. Eine gescheiterte Persönlichkeit? «Keineswegs», sagt Burkhardt. «Meine grösste Leistung war es nicht, Model zu werden. Meine grösste Leistung war es, wieder aus dem Irrenhaus zu kommen.»

Seit seinem Aufenthalt in der Psychiatrie mit 27 Jahren haben ihm unterschiedliche Ärzte eine Angststörung und soziale Phobie diagnostiziert. Diagnosen, die in unserer Gesellschaft immer häufiger werden. «Ich erhalte viele Nachrichten von Menschen, die mir von ihren psychischen Problemen erzählen», sagt Burkhardt. So spielt der Roman zwar in den Neunzigerjahren, dennoch sieht Burkhardt viel Identifikationspotenzial. «Helikoptereltern, Sinnsuche, Selbstdarstellung, das sind alles zentrale Themen unserer Zeit.»

Zu seinen Eltern, die vor allem im Film und in seinem ersten Buch eine bedeutende Rolle spielen, pflege er heute ein distanziertes Verhältnis. «Ich liebe sie, weil sie meine Eltern sind, aber ich mag sie nicht so gerne.» Seine Mutter ist heute 83 Jahre alt und lässt sich von seinem Vater zu Hause pflegen. Es seien Rollen, in denen beide «vollends aufgehen», sagt Burkhardt. «Meine Mutter gibt bis heute keine Fehler zu. Aber dass ihre Form der Erziehung nicht nur gut für mich war, hat sie mittlerweile erkannt.»

«Nur eine Maschine»

Seine psychischen Störungen hat Burkhardt mittlerweile im Griff, wie er sagt. Dank seinem Partner, seinem Hund Hugo und immer neuen Medikamenten: Der Hund zwingt ihn, hinauszugehen. Sein Partner begleitet ihn auf Reisen, die er nicht alleine schaffen würde, und die Medikamente halten die Symptome in Schach.

«Am glücklichsten war ich immer dann, wenn ich einen Partner an meiner Seite hatte», erinnert er sich. Auch heute. Seinetwegen ist er vor zwei Jahren von Berlin wieder nach Bern gezogen. Momentan finde sein Leben in einem sozial eingeschränkten Rahmen statt, er beschreibt es als «selbst gewähltes Gefängnis» oder, positiver, «als Schutzzone».

Der Florian von früher, der Einzelgänger, der Nomade, sei noch immer irgendwie präsent. «Einfach nicht mehr in Extremform.» So pendelt er zuweilen zwischen den Bedürfnissen nach Freiheit und Sicherheit, Weite und Nähe. Ob er in Bern bleiben wird, weiss er nicht, die Wohnung in Berlin hält er sich jedenfalls warm. «Vielleicht bin ich immer noch auf dem Weg.»

Zu diesem Weg gehört nicht nur sein neustes Buch, sondern auch seine neue Single «Nur eine Maschine», die am 2. Februar getauft wurde. Damit meldet er sich genau zehn Jahre nach seiner Karriere als Electroboy in der Musikszene zurück. «Das ist ein Zufall», sagt Burkhardt, «wie vieles in meinem Leben.» Alles habe sich immer ergeben, er habe nie etwas akribisch geplant.

Auch vor der Kamera steht er wieder, etwa für das Kaufhaus Globus oder einen Brillenhersteller. «Das Gefühl, das Posieren früher in mir ausgelöst hatte, ist weg. Heute ist es nur noch ein Job.» Die Gefahr, durch den Erfolg wieder in alte Muster zurückzufallen, sieht Burkhardt nicht. «Heute geschieht alles in einem geschützten Rahmen.»

Die Geschichte Florian Burkhardts ist vorerst jedenfalls erzählt. Ein drittes Buch sei nicht vorgesehen, Pläne für die Zukunft schmiede er keine. «Ich will einfach zufrieden sein mit dem, was ich tue.»

Florian Burkhardt: Das Gewicht der Freiheit. Wörterseh-Verlag, Gockhausen 2018, 192 S. 35.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 09.02.2018, 07:01 Uhr

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