Effizientes Einschlafen

«Wahrheit»-Kolumnistin Lena Rittmeyer kennt Methoden, wie man selbst in Krisenzeiten am besten einschläft.

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Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Eine Bekannte hat mir einmal erzählt, dass sie beim Einschlafen regelmässig an einen Blauwal denke; das helfe ihr zu entspannen. Eine Taktik, die auch ich in den letzten Tagen vermehrt angewendet habe. Denn seit dem 20. Januar, dem In-ach!-guration-Day, wie der Volksmund sagt, ist es zeitweise nichts Geringeres als das Weltgeschehen, das einem in Endlosschlaufe durch den Kopf dreht. Und da ungewöhnliche Ereignisse auch ungewöhnliche Methoden erfordern, bin ich gedanklich öfter mal bei einem friedlich daherschwimmenden Walfisch.

Aber auch innere Bilder der Monotonie erfordern ein Mindestmass an Konzentration, und so werden sie meistens schnell wieder von den akuten Gedanken verdrängt, die man eigentlich vermeiden will. Eine andere Einschlafstrategie besteht deshalb darin, an etwas Fesselndes zu denken. Zum Beispiel an die nächsten Ferien, den letzten Kinobesuch, den ersten Schnee, künstliche Intelligenz oder den Fischbestand der Aare. Was Sie halt interessiert. Zu aufregend aber darfs dann auch nicht sein, schliesslich wirkt Begeisterung aufputschend für Körper und Geist.

Mich hat bis vor kurzem regelmässig das Nachdenken über ein philosophisches Problem eingeschläfert, das aus aktuellem Anlass im Internet kursierte. Zu tun hat es mit Richard Spencer, einem jungen, angehipsterten Rechtsextremen, der vor laufender Kamera die Faust eines vermummten Antifa-Aktivisten abbekam. Sichtbare Spuren trug er keine davon, stattdessen prasselte der Hohn des Netzes auf ihn ein. Bald wurden jedoch auch Gegenstimmen laut, die zu mehr Grösse aufriefen; und man debattierte auf zahlreichen Plattformen angeregt über die Frage: Ist es okay, einen Nazi zu schlagen? Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! Erfolgsphilosoph Slavoj Žižek findet übrigens nein. Aber bevor ich jeweils selbst auf eine Antwort gekommen bin, war ich meistens schon mittendrin im Echoraum meiner Träume.

Immerhin, geklappt hats früher oder später noch immer mit dem Einschlafen. Wesentlich strenger hat es da eine 50-jährige Lettin, die zwar schläft, aber es nicht bemerkt. Seit fast zwei Jahren sei sie schlaflos, berichtete sie eines Tages den Ärzten, worauf diese in der darauffolgenden Nacht mit Elektroden die Aktivität ihres Gehirns untersuchten. Das Resultat: Die Versuchsperson schlief sieben Stunden durch, wollte es aber am nächsten Morgen nicht wahrhaben. Paradoxe Insomnie nennt man das.

Mindestens so abwegig mutet das Verhalten anderer an, die ganz bewusst nur wenige Stunden nächtigen, um später damit anzugeben. Sie wissen schon: Mein Schlafmangel ist grösser als deiner. Also eigentlich tun das vor allem Männer in Führungspositionen, die sich zum sogenannten Macho-Kurzschlaf hinlegen. Diese Blitz-Bettruhe dient weniger der Erholung als vielmehr der Imagepflege. Denn wer kaum schläft, soll in der Businesswelt als dynamisch und erfolgreich gelten. Wobei diese Gleichung mittlerweile auch von Forschern zum alternativen Fakt erklärt wurde, die vielmehr Ausgeschlafenheit zum neuen Statussymbol und Übermüdung zum neuen Übergewicht ernannten.

Das bringt mich auf ein paar weitere Knacknüsse. Was ist wohl ungesünder: immer ausgeschlafen, aber dafür dick zu sein oder schlank und dauermüde? Was hätten Sie lieber: bewusste Schlaflosigkeit oder Fake-Insomnia? Ist es moralisch notwendig, dem Mann eins aufs Maul zu geben, der Richard Spencer geschlagen hat? Und was meint wohl Slavoj Žižek zum Walfang der Japaner?

In diesem Sinne: Gute Nacht allerseits.

Der Bund

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