Diese «Pöteeterlis» zünden definitiv

Spielerische Entdeckerfreude: Die berndeutschen Wortfächer «flüech & schlämperlige» und «ybbürgereti usländer» enthalten spannende Sprachlektionen.

Hier wird nicht geblättert, sondern aufgefächert: Die handlichen Wortfächer passen in jeden Hosensack und sind griffbereit, wenn Bedarf besteht.

Hier wird nicht geblättert, sondern aufgefächert: Die handlichen Wortfächer passen in jeden Hosensack und sind griffbereit, wenn Bedarf besteht. Bild: Adrian Moser

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Natürlich sollten wir nicht fluchen. Andere Menschen mit Worten herabzusetzen, ist auch kein besonders edler Charakterzug. Es ist allerdings ein eher seltenes Erlebnis, Menschen zu begegnen, die sich auf diesem Feld originell, variantenreich und überdies mit der nötigen Geistesgegenwart betätigen.

Ausdrücke wie «Gäxnase», «Chleechue», «Püffu» oder «Haghuuri» sind als «Schlämperlige» dem ordinären A-Wort unbedingt vorzuziehen – und sie haben erst noch den Vorteil, das Gegenüber verbal differenziert in den Senkel zu stellen.

Zu beobachten ist ja in diesem Zustand der Erregung – übrigens auch bei sogenannt intelligenten Leuten – eher eine dramatische Verengung des Vokabulars auf einige wenige reflexhaft hervorgestossene und zudem sehr vorhersehbare Worte. Zeitgenossen, die «wine Waud vou Affe» ausrufen können, sind selten.

Wer sich in diesem Bereich weiterbilden oder zumindest den aktiven Wortschatz erweitern möchte, dem kann nun mit dem Berndeutsch-Wortfächer «flüech & schlämperlige» geholfen werden. Dieser handliche Fächer, der griffbereit in jeden Hosensack passt, vereint 52 der saftigsten berndeutschen Schimpfworte und Flüche – von «Hesch es warms Joghurt im Sack?» über «Hudilump» bis zu «Praschaueri» und «Potz Himurieme».

Überaus passables «Paselitang»

Ausgedacht haben sich diese kommunikationsfördernden Wortfächer die Berner Geschwister Matthias und Anja Vatter, die gemeinsam unter «vatter&vatter» eine AG für «wort-bild-kultur» betreiben und bereits mit ihren attraktiv gestalteten Wimmelbüchern zu verschiedenen Schweizer Städten aufgefallen sind.

Als Herausgeber firmiert Cousin Ben Vatter, als «Bund»-Mundart-Kolumnist eine sprachliche Respektsperson. Der Wortfächer ist für Matthias Vatter eines dieser gedruckten Formate, die für die Vermittlung bestimmter Inhalte perfekt sei: «Das fächerartige Aufblättern verschiedener Begriffe eröffnet einen sowohl einfach-direkten als auch anregend-spielerischen Zugang zu der entsprechenden Wortgattung.»

Mit den beiden Berndeutsch-Wortfächern «flüech & schlämperlige» sowie «ybbürgereti usländer» wollen die Geschwister Vatter die Reichhaltigkeit berndeutscher Begriffe aufzeigen – «ohne ds ‹bluemete Trögli› abzufeiern», wie Matthias Vatter betont. Gerade der zweite Fächer mit den Lehnwörtern aus anderen Sprachen – den «ybbürgerete usländer» eben – demonstriert vortrefflich die sprachliche Integrationskraft der Berner.

Der historisch und geografisch bedingte Einfluss des Französischen ist natürlich immer noch stark – von «gutiere» und «sech trumpiere» über «öpper schasse» bis zum «Paselitang». Moment, was ist denn das, ein Paselitang? Nun ja, das Wort stammt vom französischen «passer le temps» ab und bedeutet «die Zeit (angenehm) verbringen».

Diese Wortfächer sind ein überaus passables «Paselitang» und auch ein verbales «Pöteeterli» (vom franz. «peut-être» für ein Feuerzeug, weil man früher nie wusste, ob es zündet oder nicht), das in verschiedenen Bereichen gezündet werden kann. In der Verkaufsabteilung eines Dienstleistungsunternehmens werde, erzählt Matthias Vatter, der Adjektivfächer bereits bei Jahresendgesprächen eingesetzt.

Der Kunde dürfe drei Adjektive auswählen, welche aus seiner Sicht die Zusammenarbeit stimmig beschrieben. Auch die Rückmeldung einer Sexualtherapeutin zeigt, wie vielfältig die Wortfächer genutzt werden können. Sie habe, schrieb sie den Herausgebern, ihre Klienten mit dem Wortfächer «Komplimente» beschenkt, denn: «Komplimente schenken heisst: Ich sehe dich!»

Mithilfe des Wortfächers «flüech & schlämperlige» könnte man, eine offene Gesprächskultur in der Firma vorausgesetzt, bei Mitarbeitergesprächen künftig auch die Zufriedenheit mit dem Vorgesetzten auf den Punkt bringen. Weitere Berndeutsch-Wortfächer sollen folgen.

Bestellungen unter: www.wortfaecher.ch (Der Bund)

Erstellt: 25.09.2016, 10:52 Uhr

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