Die Wahrheit über Aufräumarbeiten

Wie eine Prophetin der Ordnung und ihr Evangelium den Bücher-Samurai in Literatur-Redaktor Alexander Sury wecken.

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Ein Mensch sitzt in seinem Wohnzimmer vor einem grossen Haufen mit Kleidern, Büchern, Papieren, Kleinkram und Erinnerungsstücken aller Art. Wie in Trance nimmt er einen Gegenstand in die Hand, schaut ihn aufmerksam an und geht dann in sich: Entfacht dieses Objekt einen Funken Freude in mir, ja oder nein?

Wer noch unentschieden ist, kann die Selbsterforschung weiter treiben: Wie fühle ich mich mit diesem Gegenstand, zieht er mich runter oder durchströmt mich ein Glücksgefühl? Wenn sich partout keine positiven Emotionen einstellen, dann ist es um diesen Gegenstand geschehen. Weg mit diesem Ballast, der sein Aufenthaltsrecht in dieser Wohnung verwirkt hat.

Hat Marie Kondo Ihr Leben auch schon aufgeräumt? Wenn ja, dann kondoliere ich hiermit mit einem festen Händedruck. Die 34-jährige Japanerin aus Tokio ist die Prophetin eines neuen Wohn- und Lebensgefühls. Ich sage nur: Magical Cleaning.

Wir häufen billige Ware aus Fernost an - und aus Fernost kommt nun auch die Fee, die uns aus unserem Überfluss erlösen will. Die eingangs geschilderte Szene mit dem «Haufen» ist ihr Werk; sie spricht von einem notwendigen «Schockerlebnis», das die Visualisierung all der unnötigen Dinge auslösen soll.

Die junge Frau wurde kürzlich zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gekürt. Auf Netflix läuft die Doku-Serie «Aufräumen mit Marie Kondo», in der die Entrümpelungstherapeutin in den USA orientierungslose Familien in ihren Wohnungen und Häusern besucht.

Diese Menschen stehen meist gestresst zwischen Kisten und Säcken und wirken sehr unglücklich. Das Ausmisten mit der strahlenden Japanerin soll wieder Klarheit bringen, Übersicht. Ist erst mal das äussere Chaos beseitigt, wird sich - so das unausgesprochene Versprechen - auch im Innern wieder viel Friede und noch mehr Freude ausbreiten.

Nun ja, die Toleranzschwelle für Unordnung ist bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Ich erinnere mich an eine Szene aus der Zeit, als ich in Wohngemeinschaften lebte. Einer meiner Mitbewohner hielt es nicht mehr aus und schritt zur Tat. Während meiner Abwesenheit legte er das dreckige Geschirr, das sich in der Küche angesammelt hatte, kurzerhand in mein Bett.

So kam ich spätabends nach Hause, etwas angetrunken, entkleidete mich und legte mich auf meine Schlafstätte. Wie komisch das klang und knirschte unter mir. Hätte ich diese harte und kratzige Bettwäsche, die sich mir unangenehm in die Rückengegend bohrte, vielleicht doch einmal mit Weichspüler waschen sollen?

Bücherschützender Samurai

Kehren wir in die Gegenwart zu Marie Kondo zurück. Ich kenne einen Haushalt, in dem seit einiger Zeit Kondo das Sagen hat. Die Frau des Hauses bekam das Buch zuerst von der Schwiegermutter geschenkt und entsorgte es sogleich wutschnaubend. Wenig später aber kaufte sie das Buch selber und machte sich mit missionarischem Eifer daran, das Evangelium nach Kondo umzusetzen.

Der lernfähige Mann in diesem Haushalt hat tapfer mit ausgemistet und viele Müllsäcke entsorgt, er hat sich aber zwei Refugien bewahrt: Erstens sind seine Kleider im Schrank immer noch horizontal verstaut - und nicht vertikal, wie das Frau Kondo mit einer Origami-Falttechnik empfiehlt. Die Jeans steht also nicht, sie darf weiter liegen.

Und noch wichtiger: Das Büchergestell mit - ja, genau! - vertikal, diagonal und horizontal abgelegten Exemplaren. Frau Kondo ist ja der Meinung, man solle nicht mehr als 30 Bücher zu Hause haben - darunter wären dann wohl auch ihre Gesammelten Werke.

Lassen Sie mich hier pathetisch werden: Sollte der Tag kommen, an dem mit eisernem Kondo-Griff die Bibliothek attackiert wird und die überlebenden Exemplare nach Farben oder Grösse geordnet werden: Ja, dann wird in ihm der Samurai erwachen, der auf dem zugemüllten Estrich eines seiner vielen Schwerter ergreift und sich schützend vor die Bücherwand stellt.

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