«Die Schweizer Nationalhymne ist nicht sehr schweizerisch»

Interview

Wladimir Putin will die russische Nationalhymne modernisieren. In der Schweiz hat Lukas Niederberger von der Gemeinnützigen Gesellschaft dasselbe vor. Im Interview erläutert er seine Pläne.

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Philippe Zweifel@delabass

Herr Niederberger, Wladimir Putin will die russische Nationalhymne modernisieren. Wie finden Sie das? Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Eine Hymne ist ja immer auch Ausdruck einer gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit. Da sollte man alle paar Jahrzehnte über die Bücher gehen und schauen, ob die Hymne diesen Realitäten noch entspricht.

Putin will zwei Hymnen, eine klassische – und eine poppige für Jugendliche. Wäre das auch für die Schweiz eine Möglichkeit? Eine einzige Hymne erachte ich als besser. Ansonsten muss man sich bei Anlässen immer wieder aufs Neue überlegen, welche Version nun angebracht ist. Aber dass man die Jugend einbinden will, ist sinnvoll. Gerade an einem Fussballspiel wollen die Fans doch eine mitreissende Hymne, wie es zum Beispiel die brasilianische ist.

Was fehlt der Schweizer Nationalhymne genau? Sie erinnert an einen Trauermarsch. Die Harmonien und Melodien kann man belassen, aber man müsste sie rhythmisieren. Und dass niemand den Text kennt, geschweige denn singen kann, spricht doch Bände.

Was stört Sie am Text der Schweizer Hymne? Der Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» hat es treffend umschrieben: Unsere Hymne sei eine Kreuzung aus Kirchenlied und Wetterbericht. Sie ist ausserdem nicht sehr schweizerisch, ihre Landschaftsbeschreibungen sind allgemein gehalten und treffen auch auf viele andere Länder zu. Die religiösen Passagen waren Mitte des 19. Jahrhunderts vermutlich stimmig. In der heutigen multikulturellen Gesellschaft wirken sie vereinnahmend und darum fragwürdig.

Wieso? Ich bin ein religiöser Mensch. Wir leben aber in einer Gesellschaft, wo auch der Atheismus, der Buddhismus oder andere Glaubensrichtungen Anhänger haben, die nicht zu einem personalen Gott beten. In einer religiös neutralen Gesellschaft, kann der religiöse Bezug in der Landeshymne für manche störend wirken.

Sie wollen «gemeinsame Werte» im Text – welche Werte sind das? Freiheit, Schutz des Schwächeren, Demokratie, Solidarität – deshalb schlagen wir von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) im kommenden Wettbewerb als Textgrundlage für eine neue Hymne die Präambel der Bundesverfassung vor.

Diese Werte vertritt man allerdings auch in anderen westlichen Demokratien. Die Autoren finden hier sicher einen Weg, um sich abzuheben. Die neue Schweizer Hymne und ihre Strophen sollten im Geiste der Präambel geschrieben sein. Im Refrain könnten ja die Schweizer Landschaft und die spezifische Mentalität besungen werden.

Die Gesellschaft wandelt sich permanent. Müsste man alle paar Jahre einen neuen Hymnentext schreiben? Rituale leben zwar davon, dass man sie wiederholt. Alle 20 Jahre könnte die Hymne aber überdacht werden – vor allem die jetzige. Der Text ist 170 Jahre alt und entsprechend veraltet. Damals gab es zum Beispiel keine Multikultigesellschaft, im Gegenteil: Man befand sich mitten im Kulturkampf.

Am einfachsten wäre gar kein Text – wie bei der spanischen Hymne. Das wäre schade. Denn ein einladender und ermutigender Text kann eine Gesellschaft mindestens so einen wie eine erhabene, eingängige und mitreissende Melodie.

Wie realistisch ist es, dass Ihr Vorstoss durchkommt? Bis jetzt waren solchen Unterfangen keine Erfolge beschieden. Das waren meistens Einzelvorstösse, entweder vonseiten einzelner Künstler oder von Parlamentariern. Die SGG will sich mit der 25-köpfigen Jury und dem noch grösseren Patronatskomitee breit abstützen. Volksmusik, Fussballverband, Swiss Olympic, Autoren, Musiker und Politiker von SP bis SVP vertreten uns. Auch die verschiedenen Sprachregionen sind vertreten.

Wie geht es weiter? Am 1. Januar 2014 beginnt der landesweite Künstlerwettbewerb. Wenn dieser Ende Juni abgeschlossen ist, entscheidet die Jury über den besten Vorschlag. Diesen präsentieren wir Bundesrat Alain Berset. Er entscheidet danach mit dem Gesamtbundesrat, ob das Projekt umgesetzt wird. Je nachdem haben wir dann ab 2015 gelegentlich eine neue Hymne. Wenn nicht, so hoffen wir, zumindest eine wichtige Debatte über Werte und Identität der Schweiz und somit die Basis für eine spätere Initiative ausgelöst zu haben.

DerBund.ch/Newsnet

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