Die Schmierseife Gottes

Wer um Himmels Willen hat eigentlich die «Beziehungsarbeit» erfunden? Die «Erholungsarbeit»? Die «Trauerarbeit»? Und wozu? Fragen wir Daniel Lucius Vasella.

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Der Mann konnte einem leid tun. Kam also der Tag, an dem er bei Novartis nicht mehr Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident war, sondern nur noch Verwaltungsratspräsident. Und das stellte selbst einen wie ihn, und zwar rein als Mensch jetzt, weil «nichts tun könnte ich nicht», wie er der «Schweizer Illust­rierten» seinerzeit verraten hatte («Exklusiv!») – stellte also, wollten wir sagen, der ganze Vorgang den Vasella dann doch auch vor das Problem, dass «man so etwas emotional verarbeiten muss».

Gopf. Allerdings: «Vasella wäre nicht Vasella, wenn er nicht jederzeit den Überblick behalten würde», orgelte die «Schweizer Illustrierte», und dazu stellte sie ihrem Publikum eine grossformatige Fotografie vors Gesicht, die eigentlich keine Fotografie war, sondern eher eine mit fotografischen Mitteln hergestellte Kirchenglasmalerei, die ihn, also den Vasella, beim Überblickhaben zeigte, vor einer Fensterfront im «Lab of the Future», «mit freier Sicht auf den Novartis-Campus», diese «Wunderwelt aus Stahl und Glas, errichtet von Stararchitekten wie Frank O. Gehry und David Chipperfield», und «Vasella beobachtet das Treiben unter ihm, Ameisen gleich kreuzen sich Manager und Laboranten, der Campus – sein Ort der Inspiration». Und in diesem Moment sagt Vasella dasselbe wie Gott in einem Disney-Film: «Schön, nicht?» Womit er gewiss auch ein bisschen dieses ganze Low-Budget-Oratorium meint, diese Verwandlung von Sprache, die ein Mittel der Erkenntnis sein könnte, in eine Schmierseife, auf der sich selbst der allerflachste Gedanke nicht aufrecht halten kann.

Aber eigentlich hatten wir es vom Verarbeiten und von der Arbeit, und das ist auch das Bleibende an diesem bald sechs Jahre alten Schmonz über einen Millionär und Manager. Es erkannte Daniel Lucius Vasella nämlich im Verlust seines Geschäftsführeramts durchaus einen «spannenden Wechsel», zum einen. Zum andern erfuhr er aber eben auch, «dass der Wechsel für 
mich einen Identitätswechsel darstellt. Das erfordert Trauerarbeit.»


Noch mehr Arbeit also. Aber der Mann kann nichts dafür, die Arbeit verfolgt uns. Klar, es gibt Haus- und Garten­arbeit. Neuerdings aber auch Erziehungs-, Betreuungs-, Beziehungs- und Trennungsarbeit. Zudem Film-, Fan- und Friedensarbeit. Wer über sich nachdenkt, macht Identitätsarbeit, und Energiearbeit hat nichts mit Mühleberg zu tun, sondern mit Esoterik. Heute sind nicht einmal mehr der Schlaf und die Ferien noch sicher – da warten dann die Traum- und die Erholungsarbeit.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann ist zwar nicht der Einzige, der das Paradox bemerkt hat, dass es einerseits immer weniger Arbeit gibt, jedenfalls anständig bezahlte, verlässliche, sinnvolle Arbeit – und dass andererseits immer mehr gearbeitet wird. Aber er hat genau darin eine regelrechte «Laborisierung» des modernen Lebens erkannt: «Fast alles, was wir tun, ist irgendwie Arbeit, und wenn 
es keine Arbeit ist, dann tun wir offensichtlich nicht wirklich etwas.»

Ist das alles nur eine sprachliche Mode? Mitnichten. Die Sache ist ernster. Was steckt in der Erinnerungsarbeit, was im blossen Erinnern nicht steckt? Es ist 
ein Anspruch, und zwar der Anspruch auf Anerkennung. «Jede emotionale, kommunikative, soziale Tätigkeit, in der wir nicht eine Form von Arbeit erkennen, scheint uns suspekt», schreibt Liessmann: «Die Erwerbsarbeit ist zum einzig gültigen Massstab für die Wertschätzung all unserer Tätig­keiten geworden.» Den Quartier-, den Sex- und auch den Kulturarbeitern mag man diese Wertschätzung gönnen. Doch wenn sich das Prinzip Arbeit alles Tun unterwirft, dann hat kein Tun mehr einen Sinn in sich selbst. Sondern nur noch den mess
baren Wert, der ihm gemäss den Kriterien der Arbeitswelt zukommt: Leistung, Effi­zienz, Nützlichkeit. So wird alles Arbeit, und alle Arbeit führt am Ende auf einen Markt. Wohl nicht umsonst gibt es im Cinébad am Berner Bollwerk ausser Sauna und Wellness auch «aquatische Körperarbeit» für das zeitgemäss unternehmerisch denkende Ich.

Aber keine Sorge. Die Welt ist ein Ort der Inspiration, ein Campus, eine Wunderwelt aus Stahl und Glas, errichtet von Star­architekten wie Frank O. Gehry und David Chipperfield, und oben im Lab 
of the Future beobachtet einer das Treiben. Ameisen gleich kreuzen sich Betreuungs-, Trennungs- und Erholungsarbeiter, von rechts kommen die aqua­tischen Körperarbeiter, und so sind 
wir alle unterwegs zu lauter spannenden Wechseln. «Schön, nicht?», sagt der Mann oben am Fenster.

Der Bund

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