Die Punks von St. Moritz

«Wahrheit»-Kolumnist Ane Hebeisen über die Erfahrung an der WM 2003 in St. Moritz, welche sich als einen Anlass voller sonderbarer Traurigkeit offenbarte.

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Ane Hebeisen

Womöglich hat es der eine oder die andere schon bemerkt. Es ist wieder Ski-WM in St. Moritz. Womöglich hat auch jemand die etwas zerfahrene und nicht ganz zu Unrecht in die Negativschlagzeilen geratene Eröffnungsfeier gesehen (inklusive der einfühlsamen Moderation von Matthias Hüppi: «Das Engadin: einzigartiges Tal. Das Kind: sieht zum ersten Mal Schnee»). Tolle Sache. Prima Sport. Und das nicht einfach irgendwo im bündnerischen Engadinertal, sondern «on top of the world», wie die Sankt Moritzer nicht müde werden zu behaupten.

2003 fand die WM schon einmal in St. Moritz statt. Ich ging damals hin. Doch anstatt eines sportiven Fests mit «Stil, Eleganz und Klasse», also dem, womit man sich im noblen Alpendorf so gerne brüstet, offenbarte sich mir ein Anlass voller sonderbarer Traurigkeit.

Das begann bereits mit St. Moritz selber. Dieses erschien mir nämlich gar nicht mal so feudal für einen Ort, der als Metapher für Luxus, Bergromantik und Saus und Braus stehen will. Das Ortsbild: ein architektonisches Gemenge aus Gstaader Dorfkern und Belper Wohnquartier, aus dem die Prunkbauten der 5-Stern-Hotellerie als einziger Wiedererkennungswert herausragen wie Refrains aus einem schlechten Song.

Egal. Schliesslich ging es ja um den Sport. Also ab in den Zielraum zum Herren-Super-G-Gucken. Von WM-Hurra-Stimmung war da indes nichts zu spüren. Das Publikum fror und versuchte sich zu desolatem Alpenschlager irgendwie warmzuwackeln. Die Freunde des Skisports sind Menschen ohne markante Eigenschaften – mal abgesehen davon, dass sie sich gerne die Flagge ihres Lieblingslandes in die Physiognomie pinseln lassen.

Würde man sie soziologisch analysieren, ergäben sie vermutlich ein Pendant zu einer Schweizer Fasnachtsgruppe. Das WM-Rennen in St. Moritz verfolgten sie mehrheitlich auf einer Grossleinwand, über welche die Bilder der SRG flimmerten. In natura sah man die Fahrer bloss handgestoppte 7,5 Sekunden lang – dann wurde im Zielraum abgebremst und in die Kamera gewinkt. Das Publikum schaute sich das Winken auf der Grossleinwand an und wartete, bis der nächste Fahrer aus dem Rennhäuschen hechtete.

Und so standen sie also etwas verloren da unten, die Helden der Skipisten, in ihren hautengen und wenig isolierten Rennanzügen, während sich das Publikum – auf Grossleinwand – bereits dem nächsten Fahrer zuwandte. Bestenfalls wurden die Fahrer noch vor eine Fernsehkamera gezerrt, wo sie dem immergleichen Fernsehreporter ihres Heimatlandes Rechenschaft ablegten, warum es wieder nicht geklappt hatte, und dann verschwanden sie irgendwo in einem Zelt und wurden von niemandem vermisst.

Glamour ist anders. Die Ski-WM in St. Moritz, das war nicht viel anderes als Fernsehgucken on top of the world. Und wer geglaubt hätte, im Dorf sei nach dem Rennen wild gefeiert worden, irrt. In trüber Erinnerung ist mir einzig ein Konzert der Vorengadiner Jodelkinder auf der Plazza da Ceremonia geblieben, das jedoch nur von einer Handvoll eingefleischter Fans des Kinderjodel-Genres belauscht wurde. In den Clubs traf man nach Mitternacht auf leere Tanzflächen und ratloses Barpersonal, das sich Gedanken machte über das sonderbare Schlafverhalten der Schneesport-Schlachtenbummler.

Gut möglich, dass 14 Jahre später alles besser ist, dass das Publikum zu Show-Acts wie 77 Bombay Street oder Yokko total ausflippt. Jedenfalls hat sich das Organisationskomitee heuer ein im Umfeld der Hundertstelssekunden-Wettlauferei fast schon punkig-antizyklisch anmutendes WM-Motto ausgedacht: Es lautet «Take your time».

Der Bund

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