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Die Ironie des Geldes

Soziologieprofessor Aldo Haesler hielt diese Rede am Freitag an der Eröffnung der Ausstellung «Geld. Jenseits von Gut und Böse» im Stapferhaus Lenzburg.

Wir sind heute im Begriff, die Kontrolle über das Geld zu verlieren. Wir Bürger, wir Wissenschaftler und wir Experten. Nicht nur verlieren wir die Kontrolle über den Gegenstand als solchen, denn das Geld wird immer unsichtbarer, immer elektronischer, wir verlieren auch die Kontrolle über seine astronomischen Mengen und über seine Flüsse. Man hat das Gefühl, dass allzu viele Zauberlehrlinge am Werk waren, Zauberlehrlinge, die an einem Gegenstand hantierten, den sie nur sehr ungenau kannten, ja dessen genauere Kenntnis eigentlich in Niemandes Interesse sein konnte. Beim Geld ist es wie beim Hl. Augustinus und seiner Bemerkung über die Zeit: «Quid est ergo tempus? Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare velim, nescio. / Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiss ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiss ich es nicht.»

Es ist wie eine Sprache, die alle sprechen, deren Bedeutungen aber unfassbar sind. «Geld ist, was als Geld gilt», sagt uns der österreichische Sozialwissenschaftler Arno Bammé. Das ist die vielleicht ehrlichste Definition, die es noch gibt. Doch was hat sie zu bedeuten? Was heisst hier «gelten», wo wir doch wissen, wie nah verwandt Geld und Geltung ist? Vertrauen, Macht, Einfluss, Ehre oder Risiko kann als Geld gelten, wie auch Silbermünzen, Alternativwährungen oder leere Versprechungen. Der deutsche Ökonom Hajo Riese nannte es zu Recht einmal «das letzte Rätsel der Nationalökonomie». Hatten die Ökonomen in ihrer Kleinklempnerei noch einen blassen Schimmer von seinen Funktionsweisen, so scheinen die benachbarten Sozialwissenschaften die Flinte seit langem ins Korn geworfen zu haben. Eine stumme Panik breitet sich aus, und vielleicht ist es sie, diese Panik, die dazu führt, dass immer mehr Zeitschriften, Kolloquien, Ausstellungen und Tagungen diesem mysteriösen, aber allzu alltäglichen Gegenstand gewidmet werden. Denn er lässt sich einfach nicht fassen, was hinwiederum heisst, dass er für alles zu gebrauchen ist.

Doch was hat der Soziologe, der ich nun einmal bin, dazu zu sagen? Und weshalb sollte die Soziologie überhaupt dazu etwas sagen? Ein Argument dazu findet man bei einem unserer Gründerväter, Georg Simmel, dem Berliner Soziologen, der Anno 1900 ein im wahrsten Sinne des Wortes verrücktes Buch geschrieben hat, seine Philosophie des Geldes. Auf nahezu 600 dicht beschriebenen Seiten – das ich ganze elfmal lesen musste, um endlich hinter Simmels Gedanken zu kommen – unternimmt er es, Geld als jene Chiffre (…) zu betrachten, aus welcher der Geist unseres modernen Zeitalters verfasst wurde. Seinem Freund, dem Philosophen Heinrich Rickert gegenüber bekundete Simmel, er sei an diesem Wahnsinnsprojekt beinahe verrückt geworden. Dutzendmale sei er darauf gekommen, wie man in der Schweiz sagt, den Bettel einfach hinzuwerfen. Was ihn rettete, war ein zündender Gedanke; die Vorstellung nämlich, dass unsere, moderne Gesellschaft wie eine Spinnwebe sei, ein Netz also, dessen Fäden Kreuzpunkte bilden, und diese Kreuzpunkte sind wir, die Individuen.

Die Fäden, das ist das Geld. Kümmern sich die Ökonomen um die Spinne, d.h. um die Institutionen und Techniken, welche den Geldfluss bestimmen, so ist es unser Brot als Soziologen, die Formen und Lebensweisen im Innern der Spinnwebe zu studieren. Einer der Gedanken Simmels ist leicht nachzuvollziehen; er besagt, dass Geld vereint, was getrennt war – und es trennt, was vereint war. Geld vereint, indem es trennt, und es trennt, indem es vereint. Ein wahrhaft symbolisches und diabolisches Medium. Es bringt Wirtschaftssubjekte, die voneinander nichts wussten und vielleicht auch nichts wissen wollten, zusammen. Aber wir wissen, dass dieser Zusammenhalt mager und brüchig ist. Aber immerhin: er bringt Fremdes zusammen, die ohne Geld einander fremd geblieben wären. Und umgekehrt bringt es die besten Familien und die schönsten Freundschaften auseinander: man muss nur von Erbschaft sprechen oder von einem Freund ein Darlehen verlangen. Und schon herrscht Unfriede, schon zerfallen die schönsten Bünde. Man sieht, in dieser Spinnwebe ist man nicht allein: man ist mit «Kreti und Pleti» zusammen, aber man muss sich damit abfinden, keine engeren Bindungen mehr aufrechterhalten zu können. «Weak ties», schwache Beziehungen, hat dazu der amerikanische Soziologe Mark Granovetter gesagt – schwach, brüchig, vorübergehend, aber zahllos.

Und die empirische Forschung gibt ihm recht. In einer alle zehn Jahre gemachten Befragung in den USA, bei welcher man die Befragten bat, die Zahl derer anzugeben, auf die man im Leben wirklich zählen kann, also auf Verwandte, Verbündete und Freunde, sind erschreckende Resultate zutage getreten: waren es 1985 noch 12–13, so sind es zehn Jahre danach nur noch 6–7, und im Jahre 2005 waren es sage und schreibe nur noch 2–3 enge Beziehungen. Da packt den Soziologen das nackte Entsetzen! Diese dramatische Schrumpfung dessen, was unser Fach «primäre Sozialität» nennt, wurde natürlich zum Gegenstand mancher Interpretationen: man führte sie auf die typisch amerikanische Mobilitätstendenz zurück – aber war das vor 1985 oder vor 1995 wirklich so anders gewesen? –; man sprach dann in Bezug auf die erschreckenden Zahlen von 2005 vom steigenden Einfluss von Internet und den virtuellen Beziehungen – aber sagte uns nicht eine unserer Koryphäen, Manuel Castells, solche Beziehungen seien nur eine Übergangsform und nicht eine Substitution von «wirklichen», «face-to-face»-Beziehungen? Ich könnte weitere Interpretationen nennen – gleichwohl bleiben sie alle unbefriedigend. Und der Trend setzt sich weiter fort: in einer jüngsten Befragung der 15- bis 25-Jährigen bekannte mehr als die Hälfte, sich ein Leben in Paarbeziehungen nicht mehr vorstellen zu können. Im selben Sinne weiss man, dass in New York mehr als die Hälfte der Wohnungen von Singles bewohnt sind.

Aber ist nun wirklich Geld daran schuld? Denn es ist ja ein Leichtes, ihm, wie früher dem Teufel, alles Mögliche aufzubuckeln. Folgt man der Simmel’schen Intuition – trennen, um zu vereinen, vereinen, um zu trennen –, kann man es aber nicht leichtfertig von der Hand weisen. Nicht nur ist für Geld immer mehr zu haben, ist die Palette des Käuflichen immer breiter und bunter, nicht nur kann man damit sogenannte «relationale Güter» wie Alterspflege, Kindsaufsicht, Heiratskandidaten, Beziehungs-Coaching, Angstneurosenbewältigung käuflich erwerben, es ist etwas Fundamentaleres im Gange, das mit dem Geld zu tun hat. Man könnte es so fassen: in unserer Sozialwelt breitet sich Enttäuschung aus – auf Freunde kann man weniger zählen, die Familienbande verzetteln sich, auf feste Beziehungen ist kein Verlass mehr und der Konsum ist immer mehr eine fata morgana. Geld hingegen ist von Anfang an enttäuschend, mit ihm kann man sich keinen grossen Illusionen hingeben.

Aber es hat einen grossen Vorteil: Es lenkt systematisch von den grossen Sinnfragen ab. Das kann irritieren, aber es kann ebenso erfreuen, wie es der deutsche Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz behauptet: «Mit dem Funktionssinn des Geldes müssen die Menschen heute auskommen. Mehr an Sinn gibt es nicht. Das klingt in vielen Ohren unerträglich. Denn um dem Leben einen Sinn zu geben, braucht man ja Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Unser Problem ist aber, dass man die schönen Ideen des Humanismus unter postmodernen Lebensbedingungen nicht mehr durchhalten kann. Hier springt nun das Geld ein. Das Geld ist heute unser funktionaler Ersatz für die unmöglich gewordenen Ideen des Humanismus.» Mit anderen Worten: von der Enttäuschung selbst kann man nicht enttäuscht werden. In dieser Hinsicht ist auf Geld Verlass. Es stiftet nur wenig Sinn, aber immerhin so viel, dass wir unsere Lebensbedingungen, ihre Härten und ihre Fluktuationen einigermassen bewältigen können.

Es immunisiert uns nicht nur gegen die grossen Sinnfragen, es hält uns auch von der harten Wirklichkeit fern, also auch gegen den Mitmenschen. Aber genauso bewusst bin ich mir, dass die Macht des Geldes, um es einmal ganz pauschal zu sagen, umso grösser wird, je unsichtbarer und unfassbarer es wird. Und das schafft Angst. Ja, Geld schafft Angst, aber es hat eben auch die Eigenschaft, sie danach wieder zu neutralisieren. Aber indem jeder glaubt, all seine Ängste durch Geld einschläfern zu können, bildet er eine typisch neurotische Struktur, in welcher die Instrumente zur Bekämpfung der Angst diese Angst nur noch weiter potenzieren. So leben wir in einer Angstgesellschaft, in der das Geld uns gegen die Angst zu immunisieren scheint, doch dadurch genau das Quantum jener dumpfen Ängste, die durch Geld nicht immunisiert werden können, ins Masslose steigert. Der Kreis schliesst sich. Denn diese Existenzängste entstehen aus mangelnden Beziehungen. Zwischen Geldmenschen gibt es zwar noch ein Band, es herrscht eine relative soziale Ordnung, und unsere Erwartungen werden meistens nicht enttäuscht, doch dieses Band selbst ist enttäuschend, denn es rechnet uns den Preis unserer Einsamkeit vor.

Aber es kommt noch etwas dazu. Ich hatte eingangs gesagt, dass wir die Kontrolle über das Geld progressiv verloren haben. Seit der «subprime»-Krise ist uns klar, dass die Kontrolle darin besteht, wie bei Hochwasserkatastrophen die schlimmsten Dammbrüche zu vermeiden. Die gigantischen Geldmengen, die in Millisekunden den Erdball umkreisen – von denen wissen wir seit langem, dass wir sie nur noch mit Schauder betrachten können. Doch hat sich auch etwas Grundsätzliches in der Mikrosphäre des Alltags ereignet. Denn wissen wir noch, was passiert, wenn wir mit unseren Kreditkarten bezahlen? Ganz abgesehen von den komplexen, technischen Systemen, durch welche die Datenflüsse laufen, wissen wir im Grunde auch nicht, was mit uns passiert, wenn wir diese Karten zücken.

Auf den ersten Blick finden wir es nur höchst bequem. Wir müssen keine Rappen mehr spalten, wir müssen im Ausland kein Geld mehr wechseln, wir müssen das Retourgeld nicht mehr zählen usw., nur den Code und die Karte selbst, die müssen wir behalten. Doch was mit uns passiert, um das herauszufinden, dafür müssen wir ins Oberwallis gehen und ältere Leute befragen, ob sie es so toll finden, mit der Kreditkarte zu bezahlen. Eine meiner Studentengruppen war dort unterwegs, als es darum ging, die heimlichen Effekte der stofflosen Bezahlung zu studieren. «Um Himmelsgottswillen keine Karten», riefen diese älteren Oberwalliser aus, wer möchte denn auf das kleine Gespräch mit der Verkäuferin beim täglichen Einkauf verzichten? Und darüber hinaus, wer kann diese kleine Zetteliwirtschaft mit diesen Karten überhaupt noch kontrollieren? Das gab uns zu denken.

Denn bei diesen Transaktionen bezahlt man ja im Grunde nicht mehr, man erstattet kein Opfer mehr, sondern präsentiert seine Karte und tippt den Code ein. Diese massive, millionenfach wiederholte Handlung unterliegt nicht mehr der Grundnorm einer jeden halbwegs zivilisierten Gesellschaft, die lautet: do ut des, ich gebe, damit Du auch gibst. Diese Grundnorm durchwirkt jede Gesellschaft seit Solons Reformen: Man zahlt seine AHV, unterstützt damit die Älteren, im Vertrauen darauf, dass, wenn wir einmal alt sind, es Jüngere gibt, die es so machen wie wir. Darauf gründet der Generationenvertrag. Nehmen wir diese Struktur näher unter die Lupe, so sehen wir, dass diese Wechselseitigkeitsnorm überall in unserem Alltag anzutreffen ist. Keine Beziehung, keine Freundschaft, kein Geschäft, kein Vertrag, die nicht des do ut des bedürften.

Und nun kommt diese Kreditkartentransaktion. Natürlich müssen wir im Grunde genommen unsere Einkäufe letztendlich bezahlen, nur tun wir es mit einer zeitlichen Verschiebung: kaufe jetzt, bezahle später. Der Angelpunkt ist dieses «später», denn im Moment des Kaufes können wir dieses Bezahlen aber getrost vergessen. Und das tun wir auch, mit der völlig logischen Konsequenz, dass wir uns mit einer viel grösseren Leichtfertigkeit bedienen, als es zu Zeiten der alten Zahlungsgewohnheiten der Fall gewesen ist. Überschuldung hat direkt damit etwas zu tun. Dieser Vorgang ist, wie gesagt, massiv, und wird millionenfach wiederholt. Und da stellt sich mit Recht die Frage, ob wir nicht dabei sind, ein ganz anderes Handlungsschema einzutrainieren als jenes, welches der Wechselseitigkeitsnorm unterlag; ein Handlungsschema, das sich vom Kauf auf viele andere Bereiche unseres Alltagslebens ausdehnt.

All die seit der Erfindung der Chipkarte gemachten Innovationen im Zahlungsmittelsektor gehen in diese Richtung: mit dem praktischen, aber fadenscheinigen Argument, die Zahlung immer handlicher zu machen, die umständlichen Codekontrollen auszumerzen und – was heute wohl am besten ankommt – die Sicherheit der Transaktionen zu perfektionieren, wurden Identitätserkennungstechniken durch Fingerabdruck, Kniescheibe oder Augenpupille sowie die diversesten Zahlungen via Handy ausprobiert. Und, sobald machbar, kostengünstiger und «sekuritärer», schnurstracks auf den Markt gebracht. Nur hat man nicht zur Kenntnis genommen, dass dieser kritische Moment der Zahlung – wo ein Mindestmass an Reflexivität geübt werden musste – nahezu zu einem Reflex geworden ist. Hier liegt eine Gefahr, derer wir uns noch nicht bewusst geworden sind. Denn was ist ein Leben ohne Gegenseitigkeit? Es ist ein auf die Spitze getriebener Individualismus, in welchem es keinen Platz mehr gibt für zwischenmenschliche Beziehungen. Es gibt nur das sich selbst behauptende Individuum, jener Kreuzpunkt in Simmels Spinnwebe, mit allen anderen Kreuzpunkten verbunden, aber allesamt verbunden durch ein enttäuschendes Band.

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