Die Eidgenossenschaft kauft sich eine Journalistin

Das Bundesamt für Kultur hat beim Onlineportal «Watson» einen Artikel in Auftrag gegeben. Kritische Fragen werden nicht beantwortet.

8000 Franken liess sich das Bundesamt für Kultur unter der Ägide von Alain Berset einen wohlwollenden Artikel auf dem Onlineportal «Watson» kosten.

8000 Franken liess sich das Bundesamt für Kultur unter der Ägide von Alain Berset einen wohlwollenden Artikel auf dem Onlineportal «Watson» kosten. Bild: Christian Merz/Keystone

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«WOW!», schreibt eine Leserin unter einen Artikel, der kürzlich auf dem Nachrichtenportal «Watson» veröffentlicht wurde. Begeistert ist sie vom Plädoyer für das, «was hochtrabend kulturelles Erbe genannt wird», wie es im «Watson»-Artikel heisst. Denn nur dieses vermöge «unserer schnell auf die Erdoberfläche getupften Existenz eine Tiefe, einen Anker» zu geben.

«Watson» ist sonst nicht bekannt für das Interesse am Begriff des kulturellen Erbes, das «all die sichtbaren und unsichtbaren Spuren derer umfasst, die vor uns hier waren». So die Definition des «Bundesamtes für Kultur» (BAK), das zu Alain Bersets Innendepartement gehört – und das den Text bei «Watson» in Auftrag gegeben hat. Liest man den Artikel auf dem Desktop, sieht man denn auch rechts unten eine kleine Marke: «Präsentiert von – Schweizerische Eidgenossenschaft – Bundesamt für Kultur». Beim erwähnten Artikel handelt es sich also um eine sogenannte Native-Ad. Das sind Texte, die wie journalistischer Inhalt geschrieben sein sollten, aber ganz klar Werbung sind. Früher sagte man dazu «Publireportage».

Im konkreten Fall wird bei «Watson» für einen Ideenwettbewerb geworben, der «einen möglichst grossen Teil der Bevölkerung anregen soll, sich Gedanken zum Kulturerbe zu machen», schreibt das Bundesamt. Gewinnen kann man einen Museumspass im Wert von 166 Franken sowie eine Einladung zu einem Fest in Bern. Einreichen kann man seine Ideen noch bis zum 25. März.

Umstrittene Werbeform

Native-Ads sind umstritten, wenn sie von Journalisten produziert werden, die sonst kritische Beiträge verfassen sollten. Bei Tamedia, zu der auch diese Zeitung gehört, sind die Native-Ad-Teams denn auch von den Redaktionen getrennt, damit die journalistische Unabhängigkeit gewahrt bleibt. Anders bei «Watson»: Dort wurde der Werbetext für den BAK-Wettbewerb von einer preisgekrönten Journalistin verfasst, die sonst redaktionelle Beiträge schreibt – vom Porträt über glossierende Texte bis hin zu Kritiken von Filmen.

Fragt man beim BAK nach, warum man sich für die umstrittene Werbeform der Native-Ad entschied, wird man auf den «spezifischen Charakter des Ideenwettbewerbs» verwiesen, für den das BAK «das Instrument der Native-Ad-Publikation ausprobieren» wollte. Gekostet hat der «Watson»-Artikel 8000 Franken.

Der Zeitpunkt des gekauften Inhalts ist pikant, steht das BAK doch seit einigen Monaten unter Druck von Politik und Medien: Im Sommer kritisierte diese Zeitung die hohen Kosten der Kulturpreise, die das BAK in allen Kunstsparten vergibt – von der Musik über das Theater bis hin zum Design. So flossen im Fall der Literaturpreise gerade mal 262'000 Franken als Preisgeld direkt an die Autoren – und dies bei einem Budget von 760'000 Franken, das für die Auszeichnungen der Literaten reserviert war. Der überwiegende Rest – immerhin stattliche 414'000 Franken – wurde für die Preisverleihung, die Vermittlungs- und Promotionsmassnahmen aufgewendet. Darunter fielen auch neun kurze Videoporträts der Literatur-Preisträger, die insgesamt 119'000 Franken kosteten – und im Internet in den Jahren 2016/17 gesamthaft 442-mal angeklickt wurden.

Seit diese Zahlen publik wurden, beschäftigt sich die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates (GPK) mit der Preispolitik des BAK: Die GPK hielt fest, dass die Preise «ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen müssen» und dass sich das BAK bei der Evaluation «an einen klar definierten Katalog transparenter Kriterien» zu halten habe.

Offene Fragen

Das BAK strich bei seiner jüngsten Vergabe die Videoporträts zu den Literaturpreisen von neun auf zwei zusammen; auch bei den Fotos der Preisträger schränkte man sich ein. Damit konnten 135'000 Franken eingespart werden, die in den Gesamtetat des BAK zurückgingen.

Erkundigt man sich beim BAK nach weiteren Massnahmen oder nach Zahlen, die etwas über das Kosten-Nutzen-Verhältnis in anderen Sparten aussagen könnten, etwa bei den Theaterpreisen, werden die Fragen nicht beantwortet oder man wird an Dritte verwiesen, die auch keine Antwort geben. Noch diesen Monat berät die GPK erneut «über das allfällige weitere Vorgehen» im Fall BAK.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 19:31 Uhr

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