«Die Choreografie von Psy ist eins zu eins geklaut»

Interview

Mit seinem neuen Song bricht der «Gangnam Style»-Erfinder Psy erneut Rekorde. Der Tanz zu «Gentleman» kam dem DJ-Bobo-Choreografen Curtis Burger aber sofort bekannt vor.

Abgekupfert: So wie Psy hat schon eine andere koreanische Gruppe getanzt.

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Herr Burger, mit «Gentleman» hat Psy schon wieder Millionen von Klicks auf Youtube erreicht. Es war ja klar, dass nach «Gangnam Style» jeder wissen will, wie der neue Song ist. Die momentan 70 Millionen Klicks sind eine beachtliche Zahl, aber im Verhältnis zu den 1,5 Milliarden Klicks von «Gangnam Style» noch nicht viel. Es wird sich erst in den nächsten ein, zwei Monaten zeigen, ob der neue Song wirklich das Zeug hat, «Gangnam Style» zu toppen.

Hat er es? Darüber kann ich nur spekulieren. Es ist immer schwierig, einen solchen Erfolg zu wiederholen. Es ist wie beim Film «Hangover». Niemand hat so etwas erwartet. «Hangover 2» war auch gut, aber der ganze Überraschungseffekt war weg. Alle wussten, dass es wieder Schocker geben wird. Richtig Mut bewiesen hätte Psy, wenn er etwas komplett anderes gemacht hätte. Aber die Plattenfirma will Geld verdienen, er will Geld verdienen, da ist es naheliegend, dass er auf derselben Schiene bleibt. Bloss: Die Choreografie ist geklaut.

Wie bitte? Ja. Ich bin selber halb Asiat und kenne mich mit der koreanischen Musikszene und den verschiedenen Choreografien ein wenig aus. Es gibt eine koreanische Gruppe, Brown Eyed Girl, die vor zwei Jahren einen Hit hatte, allerdings nur in Korea. Der Song heisst «Abracadabra». Die Choreografie ist eins zu eins dieselbe wie die von «Gentleman», bis hin zur Kopfdrehung. Der einzige Unterschied ist, dass sie die Schritte im Vers tanzen und Psy im Refrain. Eindeutiger geht es nicht. Vielleicht war derselbe Choreograf am Werk, oder Psy wollte etwas nehmen, das sich schon bewährt hat, aber ausserhalb von Korea niemand kennt. Vielleicht war es auch ein Deal.

Was ist denn an der Choreografie so besonders? Nichts. Im Refrain steht er bloss da und wackelt mit dem Hintern nach links und nach rechts.

Für einen professionellen Tänzer wie Sie müssen solch simple Schritte eine Beleidigung sein. Nein. Wenn die Leute Freude daran haben, darf man das nicht unter dem Aspekt anschauen, dass es künstlerisch wertvoll sein muss. Es wäre ja blödsinnig, zu einem solchen Song eine hochstehende Choreografie zu machen. Der Song ist Popmusik, die kurz erheitern soll, und das tut sie. Das ist überhaupt nicht wertend gemeint. Jede Musikart, jede Tanzart hat ihre Berechtigung.

Was muss denn ein Tanz haben, damit die Leute ihn mittanzen? Damit er jeden anspricht, dürfen die Schritte – vom Kind bis zum Grossvater – nicht zu schwierig sein – wie bei «Macarena». Man muss sie sehen und gleich vor dem Fernseher nachtanzen können, ohne dass man erst noch den Tisch wegräumen muss. Es ist aber viel schwieriger, eine solche Choreografie zu schaffen als eine hochstehende, technisch anspruchsvolle.

Gibt es kein Rezept? Nein. So etwas lässt sich nicht programmieren. Als ich für DJ Bobo die Choreografie zu «Pray», «Freedom» oder «Chihuahua» erfunden habe, hätte ich auch nie gedacht, dass die Leute die Schritte nachmachen.

Warum ist denn «Gangnam Style» so erfolgreich? Weil der Song so eingängig ist. Am Ende ist immer der Song das Wichtigste. Es ist eine Stimme oder eine Musik, die dich emotional berührt. Ein Tanz hat es da schwerer.

Trotzdem scheinen die Leute ganz wild darauf zu sein, gemeinsame Choreografien zu tanzen. Warum denn? Wahrscheinlich wegen des Gemeinschaftsgefühls. Es ist etwas, das jeder kann: wie ein Song, den jeder mitsummen kann. Es ist eine Gaudi, einen solchen Tanz zu tanzen, den jeder kann. Man kann über sich selber lachen, ohne ausgelacht zu werden, weil die anderen ja genau dasselbe machen.

Werden Sie nun für DJ Bobo auch Schritte im «Gangnam Style» erfinden? Nein. Die Choreografie muss zum Song passen. Bei uns ist es wie bei einem Musical, einer Inszenierung. Wenn wir die Leute zum Mittanzen animieren können, ist das schön, aber steuern kann man das nicht. Je mehr du es versuchst, desto mehr wird es in die Hose gehen.

DerBund.ch/Newsnet

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