Sie zerfetzen 33 Männerhemden

Die Chippendales feiern ihren 40. Geburtstag. Obwohl sie wie aus der Zeit gefallen wirken, treten sie in vollen Hallen auf. Warum nur?

Die Fliege um den Hals, die Manschetten um das Handgelenk, die gut geölte Brust: Willkommen bei den Chippendales. Foto: Keystone

Die Fliege um den Hals, die Manschetten um das Handgelenk, die gut geölte Brust: Willkommen bei den Chippendales. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach drei Minuten macht es das erste Mal: ratsch! Üblicherweise ist dieses Geräusch ungewollt, denn es spiegelt allzu deutlich den Konflikt zwischen Wunsch und Realität – mehr Bauchumfang bei alter Hose. Hier aber zerreisst ein weisses Männerunterhemd. Und rund tausend Frauen jubeln dem Stofffetzen zu, der ins Publikum segelt.

Noch bevor der erste Lichtkegel die Bühne im Ludwigsburger Forum berührt, wird gepfiffen, gegackert, geschrien. Mit dem ersten Ratsch steigt an diesem Abend im November der Lärmpegel weiter an. Und hält sich konstant über die nächsten beiden Stunden, schliesslich zerreissen weitere 32 Hemden. Das gehört zum Programm wie die Fliege um den Hals, die Manschetten ums Handgelenk oder die geölte Brust. Willkommen bei den Chippendales!

Die Chippendales: War das nicht was in den Neunzigern? Nun ja, die Truppe existiert tatsächlich noch. Dieses Jahr feiert sie ihr 40-jähriges Bestehen.

Der schwule Freund darf mit

Video: YouTube / Chippendales

Hinter der Bühne anziehen, auf der Bühne ausziehen – das Prinzip der Show ist schnell erklärt. Ob Grossstadt oder Provinz, die Hallen sind immer voll, oft ausverkauft. Manchmal glitzern ein paar Tiaras im Dunkeln, Indiz für einen Polterabend. Auch ein paar Männer finden sich in den Rängen, meist der schwule Freund, der mitdarf. Ehemänner sind nicht erwünscht. Und doch wirkt die Truppe in Zeiten von Hashtags wie #gymboy oder #shirtless antiquiert. Was ist so toll an ein paar Typen, die zweifelsohne viel Zeit im Fitnessstudio verbringen und so gar nichts mit der Realität zu tun haben?

Von dem ursprünglichen Männerbild, das die Show 1979 formte, ist wenig übrig geblieben. Längst ist man weg vom unbeweglichen Bodybuilder und dem Schweisser mit dem Brusthaar. Heute steht der athletische Schwimmertyp oder der sensible Bohemien auf der Bühne, der dort live Gitarre spielt.

Für jeden Geschmack soll etwas dabei sein: Spassvogel Joey mit dem Dauergrinsen, der geheimnisvolle Shiva mit indischen Wurzeln, Veganer Kyle oder Musiker Mozart, der mit der Gitarre. Ja, er heisst wirklich so. Das Casting ist hart, weltweit darf es immer nur 20 «Chipps» geben, so nennen sie sich selbst liebevoll. Zehn bleiben in Las Vegas und bespielen eine feste Halle. Der Rest ist auf Tour durch die USA, Europa, Asien, zehn Monate im Jahr.

Cowboy, Bauarbeiter, Soldat

Seit Jahren treten sie auch in der Schweiz auf, das nächste Mal im Oktober. Um Enttäuschungen vorzubeugen: Natürlich ist keiner der Tänzer seit 40 Jahren Teil der Show. Schliesslich müssen die Männer, zwischen 21 und 42 Jahre alt, vor allem einen knackigen Hintern und reihenweise Bauchmuskeln mitbringen.

Die Bühne ist an diesem Abend spärlich möbliert. Vor einer grossen Leinwand stehen drei Podeste in unterschiedlichen Höhen. Je nach Nummer schaffen die Männer Requisiten heran: ein paar Strohballen (Cowboy), ein Gerüst (Bauarbeiter), US-amerikanische Flagge (Soldat). Die Klischees sind gewünscht – als sie mit der Offiziersnummer mal ein Jahr lang pausierten, beschwerten sich die Fans.

Das package, das die Männer schützend mit der Hand bedecken, bleibt dank des sogenannten cock sock, des Überziehers für den Herrn, sorgfältig verstaut.

Getanzt wird überwiegend mit dem Schritt. Die Männer stossen mit dem Becken in die Luft, lassen ihre Körpermitte kreisen oder mimen den Missionar, indem sie sich wie ein Delfin über den Boden schieben. Leider kommen selbst die geübtesten Stripper nicht um ein altes Problem herum, das Männer immer haben, wenn sie sich ausziehen: Ist die Hose gefallen, hängt sie erst mal trostlos an den Knöcheln. Die Chippendales sind nackt, ohne je ganz nackt zu sein. Denn auch wenn sich manche später sicher sein werden, «was» gesehen zu haben: Das «package», das die Männer schützend in der Hand halten, bleibt dank des sogenannten «cock sock», dem Überzieher für den Herrn, sorgfältig verstaut.

Gesponsert wird die Tournee von einer illustren Runde an Marken: Anbieter von Groschenromanen, Klatschheften, Vibratoren und Fitnessstudios. Wer jetzt glaubt, damit Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Publikums machen zu können, irrt. Da reicht ein Blick auf die Ticketpreise. Das günstigste Billett kostet um die 70 Franken, auf den besseren Plätzen kann es einiges teurer werden.

Alle wollen auf die Bühne

Und damit ist man schon beim Erstaunlichsten, das der Abend zu bieten hat – den Frauen. Egal ob 17 oder 70 Jahre alt, alle wollen sie nackte Männer sehen. «Daheim habe ich so etwas Knackiges nicht sitzen», sagt eine 19-Jährige, und man möchte ihr jetzt lieber nicht verraten, wie das Daheim erst in 30 Jahren aussehen wird. Ausgewiesenes Ziel der meisten Besucherinnen ist es, von einem der Tänzer auf die Bühne geholt zu werden. Dafür hüpfen sie auf ihren Sitzplätzen wie ein Jo-Jo und strecken den Arm in die Länge wie der schlimmste Streber. Überraschend ist die Selbstverständlichkeit im Scheinwerferlicht. Etwa wenn vier Auserwählte mit dem Mund ein Kondom über eine Banane ziehen, die jeweils zwischen den Schenkeln der Männer steckt. Hemmschwelle: null.

Eine dunkelhaarige Besucherin wirft ihren Kopf lustvoll in den Nacken, während einer der Herren Sex mit ihr auf dem Rücken zweier Kollegen «spielt». So als ob es kein Ding wäre, mal eben vor tausend Unbekannten aufzutreten. Oder die Frau im grün-blau geblümten Rock, die ihre Lieblingsposition nachahmen soll, sich dafür schwungvoll auf den Tänzer setzt und mit dem Becken so wild zuckt, dass einem schwindelig wird. Da schaut selbst der Chippendale verblüfft in die Menge.

«Manchmal versuchen die Frauen sogar, mir in den Schritt zu fassen»: Chippendale-Tänzer Okewa Garrett. Foto: Annette Cardinale

Tänzer Okewa Garrett hat in den vergangenen drei Jahren gelernt, die Hände der Frauen im Blick zu haben. Auch wenn das nicht immer gelingt: «Manchmal versuchen sie, mir in den Schritt zu fassen», erzählt er in seiner Garderobe kurz vor der Show. Die Höschen und BHs, die es schon mal regnet, sind dagegen harmlos. Ursprünglich hat der 30-Jährige aus Philadelphia eine klassische Ausbildung zum Balletttänzer durchlaufen, später stand er mit Beyoncé und J-Lo auf der Bühne, heute kämpft er gegen zu forsche Finger. Doch das Gegrapsche ist für ihn eine Ehre: Nie werde er es leid sein, jeden Abend von einem Raum voller Frauen angeschrien zu werden. Niemals.

«Die Sau rauslassen: Das traut man Frauen nicht zu, weil viele heute noch immer ­glauben, dass es einfach nicht passt», sagt Psychologin und Sexualforscherin Verena Klein. Obwohl Frauen und Männer in Westeuropa einigermassen gleichberechtigt lebten, seien die Vorstellungen die Sexualität betreffend noch sehr klischeebehaftet. «Dabei gibt es immer geringere Unterschiede», sagt Klein. «Etwa wenn Frauen genauso Gelegenheitssex haben wie Männer.»

Aufgekratzt vom Prosecco

Warum das Motto der diesjährigen Tournee «Let’s Misbehave» so gern wörtlich interpretiert wird, liegt vor allem an den Gegebenheiten. Eine Höhle voller Frauen, unbeobachtet und nach einem Glas Prosecco aufgekratzt, schaukelt sich durch Gejohle gegenseitig hoch. Das Gruppengefühl: Endlich wird der Spiess mal umgedreht, der Mann wird zum Objekt. Ha! Vielleicht kann man sogar behaupten, dass die Chippendales an der Emanzipation der Frau einen Anteil haben. Wenn auch auf niederschwelligem Niveau. Das Miteinander unter Freundinnen, Kolleginnen, Müttern, Schwestern und Tanten ist dabei wichtiger als jedes Sixpack. Egal, dass die Show eigentlich eher langweilig ist, «das muss man mal erlebt haben», sagt eine junge Frau, die ihr Billett von der besten Freundin geschenkt bekommen hat.

«Meine Frau geht mit mir ja auch in die Revue.»Ein männlicher Begleiter

Nicht unwichtig: Das Erleben findet in einem geschützten, gesellschaftlich abgenickten Rahmen statt. Der Kollege erzählt, dass er am Vorabend mit ein paar Kumpels im Stripclub im Industriegebiet war? Unangenehm. Die Kollegin war am Vorabend mit ein paar Freundinnen bei den Chippendales? Geschenkt.

Ob sich die Show im Zuge von #MeToo verändert hat, kann Tourmanagerin Allie Hahn leider nicht beantworten. Von dieser Bewegung habe sie nie gehört. Doch um jeden möglichen Aufschrei auszuschliessen, bekommt jede Frau ins Ohr geflüstert, was mit ihr auf der Bühne passiert. Etwa, dass sie dem Tänzer in die Unterhose helfen soll oder er mit seinen Händen über ihre Brust streicht. Wer nicht aufgerufen werden möchte, wird nicht dazu gezwungen.

An sein erstes Mal auf der Bühne kann sich Chris Mike gut erinnern. Vor anderthalb Jahren wurde der 30-Jährige Teil der Truppe. «Ein Raum voller Frauen, die alle komplett ausrasten: Das war ein cooles Gefühl und ziemlich surreal.» Mike gilt als der Kluge der Truppe, auf Instagram postet er Zitate von Marcel Proust oder Mark Twain. Er ist bekannt für seinen V-Cut (das sind ausgeprägte V-förmige Muskeln auf Beckenhöhe), deswegen verzichtet er während des Gesprächs auf ein Hemd. Die Zeit bei den Chippendales habe ihn demütig gemacht. «Im echten Leben wird nicht jede Frau sofort ausrasten, wenn sie mich oben ohne sieht.»

Die Show ist aus, im Foyer stehen Hunderte gerötete Wangen. Bei der letzten Boyband-Nummer haben alle getanzt. Einer der wenigen Männer steht mit seiner Frau an einem Stehtisch, beide sind um die 60 Jahre alt. Was zum Teufel macht er denn hier? «Meine Frau geht mit mir ja auch in den Nachtclub», sagt der Mann stolz. «Das nennt man doch Gleichberechtigung, oder?» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.01.2019, 17:00 Uhr

Artikel zum Thema

Schön enthüllt

Sweet Home Striptease in den Bergen: Das Architekturstudio Massimo Galeotti enthüllt die alten Mauern eines antiken Hauses und macht es zum modernen Hingucker. Zum Blog

Striptease und Strychnin

TV-Kritik Wie viele Intrigen, Gewalt und Unzucht gabs diesmal? DerBund.ch/Newsnet bespricht die fünfte Staffel des Serienhits «Game of Thrones». Heute: Folge 7. Mehr...

Flugpassagier zieht sich nackt aus und schaut Pornos

Auf einem Flug von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur nach Bangladesh entkleidete sich ein Passagier und belästigte mehrere Flugbegleiterinnen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Sack und Pack: Die Pinguine im Eis- und Schneepark von Harbin müssen Ihren Proviant im Rucksack selber mittragen (13. Januar 2019).
(Bild: Tao Zhang/Getty Images) Mehr...