Die Achillesferse

Das Mannsein an sich ist die Achillesferse bei der Achillessehne – das gilt auch für James Bond, findet Alexander Sury.

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Sentimentalität, oder nennen wir es Nostalgie, ist meine Achillesferse. Das bekomme ich zumindest hin und wieder zu hören. Ein wunder Punkt von mir also, eine Schwachstelle. Ein Lehrer beurteilte einst meine Chancen aufs Gymnasium mit dem Satz: «Nun, mein Lieber, Algebra ist eindeutig deine Achillesferse. Daran musst du arbeiten, sonst trifft dich der tödliche Pfeil.»

Ich nickte, obwohl ich nicht genau wusste, was das mit der Achillesferse sollte. Seit wann waren sportliche Leistungen relevant für den Übertritt ins Gymnasium? Und wieso drohte mir der Pädagoge gleich mit einem Mordanschlag? Gut, ich habe dann alles Relevante nachgelesen und mich beruhigt. Sie wissen ja, Achilles, ein Heros der alten Griechen. Seine Mutter tauchte ihn in den Fluss Styx, um ihn unverwundbar zu machen. Die Stelle aber, an der seine Mutter Achilles festhielt, blieb unbenetzt.

Jetzt werde ich schon wieder sentimental: Wie sie da leicht erhöht thront, die klassizistische Villa mit der Alabasterhaut, einfach traumhaft,mit einem wunderbaren, von Musen und antiken Göttern bevölkerten Garten. Der Blick geht aufs Meer, am Horizont zeichnet sich die albanische Küste ab. Wir sind in Achilleion, der Sommerresidenz von Kaiserin Elisabeth auf der Insel Korfu. Wir sind bei Sissi! Unweigerlich hält man Ausschau nach der jungen Romy Schneider, die uns doch die allerliebste Sissi in den einschlägigen Filmen Mitte der 1950er-Jahre schenkte. Achilleion liess Kaiserin Elisabeth 1891 bis 1899 für sich und ihre Kinder erbauen. Ehemann Franz Josef kaufte zwar das Grundstück, zeigte sich aber nie an dem Ort, den sich seine Gattin als Fluchtpunkt vor dem zermürbenden Leben am Wiener Hof erwählte.

Und hier in Achilleion huldigte sie ihrem Liebling: Achilles. Im Treppenhaus sieht man ihn auf einem Fresko, wie er vor Troja auf einem Streitwagen steht und den getöteten Hektor hinter sich herschleift. Also eigentlich gibt es den Achilles noch in einer weiteren, doppelten Ausführung: Im Park der Villa liess Sissi die Marmorskulptur «Sterbender Achill» aufstellen – ein Jüngling in Agonie, der versucht, den von Paris abgeschossenen Pfeil aus seiner Ferse zu ziehen.

Der deutsche Kaiser Wilhelm II., der das Anwesen 1909 übernommen hatte, fand das wohl etwas zu defätistisch. Vielleicht erinnerte ihn das zu sehr an eigene körperliche Gebrechen, an seine Achillesferse: den von Geburt an verkrüppelten Arm. Der Kaiser befahl die Versetzung des sterbenden Achilles und liess dort eine neue Statue errichten: den «siegreichen Achill». Diese elf Meter hohe Bronzestatue mit Schild und Speer blickt in seiner Körperrüstung absolut unverwundbar hinaus aufs Meer, während der etwa zwanzig Meter nach hinten straf­versetzte Achilles sein halbgöttliches Leben aushaucht. Was sagt uns das? Die Achillesferse von Kaiser Wilhelm II., war sie seine Eitelkeit, seine Grossmannssucht?

Verwundete und Verletzte haben Achilleion übrigens auch später geprägt: In beiden Weltkriegen wurden im Palast Lazarette für verwundete Soldaten eingerichtet. In den frühen 1980er-Jahren allerdings, da war im ersten Stock ein Casino unter­gebracht, das auch Schauplatz eines Bond- Films mit dem sprechenden Smoking Roger Moore war. James Bond, der unverwundbare Geheimagent Ihrer Majestät – hat dieser Mann überhaupt eine Achillesferse? Vielleicht ist es sein Mannsein an sich. Das klingt absonderlich, ich weiss. Wenn ich mich sportlich wieder einmal über meine Verhältnisse be­tätigt habe, werde ich mit Achillo­dynie bestraft, einer Achillessehnenentzündung.

Mein Hausarzt konstatiert dann nüchtern, dass Übergewicht dabei auch eine Rolle spiele, zudem eine leichte Fussfehlstellung sowie unterschiedlich lange Beine – und überhaupt die Tatsache, dass ich männlichen Geschlechts sei. Ja, Männer sind von Achillodynie häufiger betroffen als Frauen. Kurzum: Das Mannsein an sich ist die Achillesferse bei der Achillessehne – das gilt auch für James Bond. Ich für meinen Teil tauche im Rahmen eines Wellness-Wochenendes demnächst in den Styx. Und wehe, mich hält dabei jemand fest! (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2018, 07:15 Uhr

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