Der Glückskasten

Es war der direkteste Weg in sein Metier: Sein Vater war Fotograf. Und sogar sein Arbeitgeber. Was aber macht dann der Sohn mit seinem Traum von Selbstverwirklichung?

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Die Fotografie sei ihm in die Wiege gelegt worden: Das kann man so sagen. Aber in Peter Studers Fall kommt das Sinnbild an seine Grenze. Es war so viel Fotografie in dieser Wiege, dass kein Kind mehr Platz darin gefunden hätte.

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Wer einen Fotografen zum Vater hat, der braucht sich tatsächlich keine Sorgen zu machen um Erinnerungen aus seiner Kindheit. Sommer 1958, beispielsweise: Peter Studer auf dem Männlichen und der Kleinen Scheidegg, begleitet von Bundesrat Thomas Holenstein. Studer war damals elf, Holenstein Volkswirtschaftsminister der CVP und Bundespräsident, Studers Vater Walter schliesslich Pressefotograf im Bundeshaus und der einzige Gast beim jährlichen Ausflug der Landes­regierung. So kam der Bub aufs Bild. «Ich war ein bisschen überzählig, und Holenstein hat sich um mich gekümmert. Die Toblerone, die er mir geschenkt hat, habe ich nie gegessen, vor lauter Stolz und Ehrfurcht.» Peter Studer (Selbstporträt).

Peter Studer ist heute 69, und das Album seiner Kindheit ist zu guten Teilen öffentlich, abgelegt in den Zeitungen und Zeitschriften dieses Landes. Der erste Zahnarzt­besuch, 1951 bei Frau Doktor Wildbolz in Bern: auch eine Reportage Walter Studers. Oder 1954, eine Brandschutzübung: Feuerwehrmänner in Asbest­anzügen, Flammen bis zum Himmel, und der Bub spielt einen Verletzten auf der Bahre. Manche Momente dieser Kindheit gingen gar in die Warenwelt jener Jahre ein: 1952 sass der Fünfjährige als Geissenpeter auf einer Alp, das Bild verzierte dann eine Schokolade von Camille Bloch – Vater Studer war auch für Industrie und Werbung tätig. Der Sohn zieht die Verpackung aus einer Mappe: «Blumen, Berge, Hüsli, das hat man alles einmontiert.» So wie die Farben – das Foto war schwarzweiss.

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Wird einem das nicht irgendwann zu viel, als Kind: immer als Maskottchen vor der Kamera? Peter Studer schüttelt den Kopf. «Für mich und meine drei Schwestern gehörte es dazu. Wir haben ja auch nie posiert, alles war normal. Meine Mutter hat es mehr gestört.» Aber viel Erfolg hatte sie nicht mit ihrem Willen, ein Familienleben ohne die Kamera zu führen. «Wenn du als Fotograf von einem Moment gebannt bist, von einer bestimmten Situation oder einer Art von Licht, dann vergisst du alles rundherum. Zudem war mein Vater so viel unterwegs, dass ich ihn eigentlich nur von den Wochenenden her kannte.» Tatsächlich gehörte die Fotografie so sehr zu dieser Familie, dass der Bub an manchen Abenden den Schlaf im Geschäft der Eltern angetreten hat, an der Moserstrasse im Breitenrain, wenn dort Vater und Mutter bis Mitternacht an der Arbeit waren: er im Labor, sie in der Buchhaltung. Tagsüber stand zudem die Tante vorn im Laden.

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Die Frage hier ist also nicht, wie einer aufs Fotografieren kommt. Sondern eher, warum er dabei bleibt. 1964 trat Peter Studer die Fotografenlehre an, die ihm sein Vater vermittelt hatte, bei Fredo Meyer-Henn in Bremgarten. «Über die Berufswahl hatte ich mir nie Gedanken gemacht. Ich wollte einfach mit der Schule fertig werden, weil ich schrecklich ungern hinging. Mühe mit Autoritäten hatte ich auch.» Und dann? «Ich wollte ein freier Mensch sein.» Das war in den Sechzigerjahren, und auch wenn sich Peter Studer nie selber so bezeichnet hat: Man muss ihn damals für einen Hippie gehalten haben. Nach Mexiko jedenfalls, über die Grenze bei Tijuana, liessen ihn die Beamten erst, als er sich die Haare geschnitten hatte.

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1968, nach der Lehre, war Studer ausgewandert: zwei Saisons als Forst- und Pistenarbeiter in einem Skigebiet in den kanadischen Bergen, dann quer durch die USA, auf eigene Faust, hinunter bis nach Mexiko. «Was ich dort alles erlebt habe, kann ich nicht erzählen.» Später Indien, Pakistan, Afghanistan. Und trotzdem, ab 1970, Mitarbeiter des eigenen Vaters – eines Menschen, der sich selber strikt zurücknahm und auf bürgerliche Tugenden pochte, wie Peter Studer sagt, auf ordentliche Arbeit und zufriedene Kunden. Frei sein, endlich – und dann Büros und Uniformen fotografieren, für die PTT? «Wir haben uns ideal ergänzt», sagt Peter Studer. «Er war der Genaue, ich der Verspielte. Wir sind so gut mit­einander ausgekommen, dass wir nie viel zu diskutieren hatten.» Abgrenzungs- oder Auflehnungsbedürfnisse? Peter Studer schüttelt erneut den Kopf. Es gab nicht einmal Diskussionen dar­über, wer nun welche Fotos machte, wenn die beiden gemeinsam auf Reportage waren. Für die «Revue Schweiz» zum Beispiel, als sie zum 75-Jahr-Jubiläum des Simplon­tunnels von Paris nach Mailand fuhren. «Foto: Walter und Peter Studer», hiess es in der Zeitschrift.

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«Ich wollte ich sein. Er hatte dafür eine enorme Fähigkeit, mit den Leuten auszukommen.» Und manchmal überkreuzten sich die Talente von Sohn und Vater unerwartet. «Er hat nie gern archiviert. Das habe ich übernommen. Also fotokopieren, aufkleben, anschreiben, ablegen.» Das macht Peter Studer heute noch, und wer sein Atelier in der Lorraine betritt, das zu weiten Teilen ein Archiv des Schaffens beider Studer ist, der staunt. Nicht allein über die Ordnung, die hier herrscht. Mehr noch über die Liebe zur Ordnung. Wenn es seelenlose Archive gibt: Das hier ist beseelt. Von einem Mann, der von sich sagt, er könne auch mit offenen Augen träumen.

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Peter Studer arbeitet heute beispielsweise für die BLS, er dokumentiert den Doppelspurausbau des Rosshäusern­tunnels. Für sich selber fotografiert er die Spiele, die wandernde Schatten im tief liegenden Licht des Winters auf Haus­fassaden treiben. Oder leere Schaufenster. Oder die Spuren, die der Kaffee in ausgetrunkenen Espressotassen hinterlässt. Peter Studer führt das Tagebuch unbeachteter Alltäglichkeiten. «Das sind Fingerübungen. Die kannst du für gar nichts brauchen. Aber das Hinsehen macht mich glücklich.» Ist die Fotografie auch eine Schule fürs Leben? «Nicht für jeden. Für mich schon.»

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Wahrscheinlich erklärt die Fotografie selbst denn auch am besten, warum es der Sohn dermassen gut mit dem Vater konnte; gegen alle Wahrscheinlichkeiten gän­giger Verhältnisse zwischen Vätern und Söhnen. Und vielleicht ist das ja auch die Geschichte eines Sohns, der Fotograf geworden ist, um seinen Vater kennen zu lernen. Walter Studer starb 1986. «Zuallererst hat mir mein bester Freund gefehlt. Erst später habe ich realisiert, dass ich mit ihm auch meinen Vater verloren habe.» (Der Bund)

Erstellt: 24.07.2016, 08:42 Uhr

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