«Der Geruch ist schwer zu kontrollieren»

Claus Noppeney über Duft als Verkleidung und den Geruch unserer Gegenwart.

"Gerüche intensivieren unsere Erfahrungen": Claus Noppeney.

"Gerüche intensivieren unsere Erfahrungen": Claus Noppeney.

(Bild: zvg)

Xymna Engel

Wenn mich meine Nase nicht täuscht, umgibt Sie im Moment ein Hauch von Parfüm. Warum haben Sie sich heute dafür entschieden?
Ja, tatsächlich. Ich trage Parfüm, wenn ich denke, dass es der Situation einen besonderen Akzent verleihen kann.

Es ist aber weder ein typisch männlicher noch weiblicher Duft.
Und schon sind wir mitten in der Diskussion über Geruch und Gender, die mich auch im Rahmen des Ckster-Festivals interessiert. Als die moderne Parfümerie Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, hatte sie nur die Frauen im Blick. Mit Männerdüften wollte die Industrie ganz einfach den Nutzerkreis verdoppeln. Am Anfang war es aber sehr schwierig, heterosexuelle Männer davon zu überzeugen – die Unterscheidung ist also einzig für den Markt gemacht. In den 90ern kamen dann Unisex-Düfte auf, oft mit einer spezifisch androgynen Ästhetik. Ich persönlich mag es, wenn ein Duft seine ganz eigene Qualität hat, ohne auf ein bestimmtes Geschlecht ausgerichtet zu sein.

Wo kommen Gender und Geruch sonst noch zusammen?
Zum Beispiel am Arbeitsplatz. Als Managementforscher interessiert uns zum Beispiel die Frage: Was passiert mit Frauen, die Karriere machen, hinsichtlich ihres Parfümeinsatzes? Und was mit Männern? Oder ganz generell: Wie gehen unterschiedlichen Kulturen mit Geruch um? In unserem Workshop wollen wir mit dem Geruch als Verkleidung, als Maskerade experimentieren. Wir wollen kein Parfümstudio aufbauen, sondern im Hinblick auf die Wahrnehmung von Gender mit ungewöhnlichen Gerüchen unserer Gegenwart spielen.

Und wie riecht sie, unsere Gegenwart?
Wir leben in einer Zeit, in der Gerüche verpönt sind und wir glauben, dass es so etwas wie Geruchsfreiheit gäbe. Dabei strahlt sogar ein Drucker einen bestimmten Geruch aus. Und auch eine scheinbar geruchsfreie Stadt wie Bern riecht an manchen Orten nach Strassenverkehr, Essen und vielen anderen Zivilisationsgerüchen. Ein Riesenthema ist auch die Re-Odorisierung: Es gibt heute bei Ikea fast mehr Duftkerzen als normale Kerzen, der Geruch überlagert hier die ursprüngliche Funktion der Beleuchtung. Hier spielt die Sinnlichkeit eine grosse Rolle. Unsere Welt ist nicht so sinnenleer, wie Fortschrittsgläubige manchmal denken.

Auch die Kunst hat in den letzten Jahren das Potenzial des Geruchs entdeckt: Es gibt Duftopern und diverse Ausstellungen zum Thema von Basel bis Los Angeles. Wie erklären Sie sich diesen Hype?
Das Faszinierende an Gerüchen und Düften ist ja: Wir können sie weder anfassen noch weitergeben, sie verschwinden. Doch man kann durch sie Urerfahrungen wie Ekel, Freude oder Lust aktivieren. Das erreicht man mit einem Bild heute oft schwerer. Gerüche intensivieren unsere Erfahrungen und eröffnen viele neue Deutungsmöglichkeiten. In einer Zeit, in der alles überwacht und beobachtbar ist, ist der Geruch ausserdem ein Material, das sich dieser Vorherbestimmtheit radikal verweigert, denn er wird höchst subjektiv erlebt und ist schwer kontrollierbar – darin steckt auch ein grosses künstlerisches Potenzial.

Erkennen Ihre Studenten dieses Potenzial?
Am Anfang wurden wir oft belächelt, mittlerweile spüre ich aber ein wachsendes Interesse. Von den Ausdünstungen eines Bürostuhls bis zur Duftkerze: Gerüche beeinflussen uns immer und überall, und sie können nicht nur im Bereich der Kunst, sondern auch in der Innenarchitektur, der Mode, der Werbung und vor allem im Produktdesign eingesetzt werden – und das ist erst der Anfang.

Der Bund

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