Der Direktor, der auch Falstaff war

Eike Gramss, der frühere Intendant des Berner Stadttheaters, ist 73-jährig gestorben.

So gross wie sein Charme war auch sein komödiantisches Talent: Eike Gramss war erst Schauspieler, bevor er ins Regiefach wechselte.

So gross wie sein Charme war auch sein komödiantisches Talent: Eike Gramss war erst Schauspieler, bevor er ins Regiefach wechselte.

(Bild: Michael Schneeberger (Archiv))

Man hatte ihn gern am Berner Stadttheater. Den runden Mann mit dem Igelhaar und der kleinen Brille, über deren Ränder hinweg er mit seinen listigen Augen die Welt betrachtete. Nach den turbulenten Zeiten mit seinem Vorgänger Philippe de Bros freute man sich auf den neuen Chef.

Und Eike Gramss erfüllte die Erwartungen. Er kannte nach kürzester Zeit die Vornamen fast aller Mitarbeiter am Theater, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und so beliebt er beim Personal war, so glücklich war dann auch das Publikum über seine künstlerische Handschrift.

Denn Gramss, der vorher als Generalintendant der Bühnen von Krefeld und Mönchengladbach tätig gewesen war, setzte sowohl in seinen Opern- als auch in den Schauspielinszenierungen auf Werktreue und Emotionalität. Auf ein sinnliches Theater, auf Mozart, Shake­speare und Verdi und auf zahlreiche Premieren, und er sorgte mit regelmässigen Schweizer Erstaufführungen dafür, dass dem Theater nicht das Prädikat «verstaubt» angeheftet wurde. Gern erinnert man sich an seine «Zauberflöte» oder seinen «Grand Macabre» von Ligeti.

Grosses komödiantisches Talent

Eike Gramss, 1942 im niedersächsischen Twistringen geboren, hatte sich erst als Schauspieler ausbilden lassen, bevor er ins Regiefach wechselte. Wie gross sein Humor und sein komödiantisches Talent waren, demonstrierte er in Bern mit seinen leider allzu raren Werbeauftritten für sein Theater.

Der Honeymoon mit Bern dauerte gut sechs Jahre, dann kam das böse Erwachen: ein Millionendefizit, von dem sich das Theater während seiner Amtszeit nicht mehr erholte. Gramss hinterliess 2007 bei seinem Abgang nach 16 Jahren nicht nur ein Defizit von einigen Hunderttausend Franken, auch die Zuschauerzahlen waren in seiner letzten Saison auf ein historisches Tief von unter 90?000 gefallen, obwohl er mit einem populären Programm alles daransetzte, sich mit einer schwarzen Null aus Bern verabschieden zu können. Der finan­zielle Druck wirkte sich lange Jahre auch auf die künstlerische Qualität der Inszenierungen aus. Gramss machte keinen Hehl daraus, dass die Budgetdisziplin, die von ihm erwartet wurde, die Risikofreudigkeit minderte und die Angst vor dem Flop schürte. Und selbstkritisch bekannte er bei seinem Abschied, dass er wohl zu lange in Bern geblieben sei. Für Neuerungen war er nur nach sanftem Druck durch die Behörden zu haben. Darauf angesprochen, zitierte er gerne Faust: «Der Satz ‹Nun aber zu was Neuem› ist schliesslich von Mephisto.»

Der Strukturwandel, der sich im traditionellen Theater immer mehr abzeichnete und der nach Innovation verlangte, machte ihm mehr und mehr zu schaffen. Immer wichtiger wurden für ihn im Lauf der Jahre die Inszenierungen im Ausland, und lange blieb in seiner Ära die Suche nach einer zweiten Spielstätte halbherzig: Die Kornhausbühne war auf die Dauer zu teuer, der Umbau der Kornhauspost in ein Schauspielhaus scheiterte an den Verhandlungen mit der französischen Kirche, und nachdem mit den die Vidmarhallen im Liebefeld endlich eine zukunftsträchtige Lösung auf dem Tisch war, war er bei der Einweihung schon weg.

In Salzburg war Eike Gramss dann bis 2013 tätig, als Professor für Musikdramatische Darstellung, und in Salzburg inszenierte er 2014 auch zum letzten Mal. Es war eine seiner Lieblingsopern, Mozarts «Don Giovanni». Und in Salzburg ist Gramss nun 73-jährig gestorben.

Ovationen zum Abschied

In Bern hatte er sich mit Verdis «Falstaff» verabschiedet, den er schon 1996 in Bern inszeniert hatte. Eine schäbige Welt, die längst von Halunken regiert wird, liess Gramss in ihrer prächtigen Verkommenheit aufleben, ganz nach dem «Falstaff»-Motto «Tutto nel mondo è burla» (Alles im Leben ist Spass). Und mitten drin ein Falstaff, der mit seinem umwerfenden Witz und seiner Selbst­ironie im Laufe des Abends immer mehr an den scheidenden Theaterdirektor erinnerte.

Das Publikum hats ihm mit Ovationen gedankt.

Der Bund

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