Der Abschied von der Zehnernote

Wie sich unser Stadtwanderer am Architekten Le Corbusier abarbeitete.

Mit der alten Zehnernote verschwindet auch einer der grössten Architekten der Welt aus des Schweizers Alltag.

Mit der alten Zehnernote verschwindet auch einer der grössten Architekten der Welt aus des Schweizers Alltag. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Haben Sie noch eine? Dann bewahren Sie sie sorgfältig auf. Die Zehnernote mit Le Corbusier drauf nämlich. Das wird ein Wertpapier, denn bald schon werden die Architekten sie sammeln. Warum? Weil auf dem Schweizerischen Geld bis vor kurzem der grösste Architekt des 20. Jahrhunderts abgebildet war. Er hiess Charles-Edouard Jeanneret, lebte von 1887 bis 1965 und kam aus La Chaux-de-Fonds.

Auf der Vorderseite blickt er uns an, nein, an uns vorbei. Seine Brille mit den zwei Bullaugen hat er hochgeschoben, denn er sieht in die Ferne. Vermutlich in die Zukunft. Er sinnt über die neue Welt nach, die er bauen wollte. Man sieht ihn oben links auch an der Arbeit: Er doziert. Der Missionar der modernen Architektur erklärt, wie sie geht. Er war ein grosser Lehrer, seine Schüler haben seine Lehre auf dem Erdball verbreitet. Leider.

Auf der Rückseite ist die Probe aufs Exempel zu sehen, Chandigarh, die neue Stadt, die er in Indien baute. Genauer, ein Ausschnitt aus der Fassade des Sekretariatsgebäudes und ein Innenraum bilden ein rechtwinkliges Muster, Orange und Blau ineinander verwoben, fast wie ein Schottenstoff. Der Modulor, Le Corbusiers universales Masssystem samt Manoggeli mit der erhobenen Hand ergänzen die Rückseite. Wie oft haben wir diese Zehnernote in der Hand gehabt und wie wenig haben wir sie angesehen!

Als der Stadtwanderer noch jung war, da wusste er, dass Corbu die Wurzel allen Übels war. Ihm haben wir die neue Stadt zu verdanken, in der wir heute alle leben. Ihr Name ist Agglomeration. Er ist der Vater der Charte d‘Athènes, der Bibel des funktionalistischen Städtebaus, worin das Auseinanderreissen der Stadt in Verkehr, Arbeiten, Wohnen und Freizeit gefordert wird, was im allgemeinen Pendlerelend endete. Er wollte uns in Wohnmaschinen einsperren, in Hochhäusern kasernieren. Kurz, Le Corbusier war der Hohepriester, der das Unheil predigte, das uns heute plagt.

Doch da machte der Stadtwanderer in jugendlichem Leichtsinn einen Fehler. Er kaufte ein Buch. Den ersten Band des «œvre complète». Er machte noch einen zweiten Fehler. Er las es. Nach dem gründlichen Studium war er zerknirscht. Dieser Widerling, dieser falsche Prophet, dieser Bhouptisiech entpuppte sich als DER Architekt. Seither ist er der Stachel im Fleische des Stadtwanderers. An ihm kam er nie vorbei. Es waren nicht die demiurgischen Stadtentwürfe, die des Stadtwanderers Bannfluch durchstrichen, nein, die Offenbarung kam durch die Villen und Einfamilienhäuser. Er musste sich eingestehen: Dieser ist der grösste Architekt des 20. Jahrhunderts. Der wirkungsmächtigste auch. Nach der Lektüre merkte der Stadtwanderer, dass die Vorurteile nur so lange Bestand haben, wie man nicht genauer hinschaut. Eine Anschaffung fürs Leben.

Je mehr er von ihm aufsog, desto widersprüchlicher wurde der Mann Corbu. Sympathischer wurde er ihm nie, aber er wuchs an Bedeutung und Format. Er war ein genialer Kotzbrocken, ein sturer Hund, aber auch der Löwe, dessen Pranke überall Spuren hinterliess. Mit ihm war keine Versöhnung möglich, immer war er heiss und kalt, gut und schlecht, richtig und falsch zugleich. Er war der Berg, den der Stadtwanderer mühsam erklimmen musste. Im Aufstieg erkannte er, das ist kein Berg, das ist ein Gebirge. Den Überblick hat er noch heute nicht.

Ja, gewiss, da ist noch sein Hang zu den Diktatoren. Er baute für Stalin, diente sich Mussolini an, weibelte monatelang in Vichy um die Gunst Pétains. Sein Traum war die Generalvollmacht. Der unbeschränkte Herrscher würde ihn zum allmächtigen Universaloberarchitekten ernennen und damit das grosse Werk in Gang setzen. Leider waren die Diktatoren zu blöd. Corbu hatte sich jedes Mal getäuscht. Er konnte sie nicht überzeugen. Wenn er merkte, die schnallens nicht, da hoffte er trotzig auf den nächsten. Denn er allein hatte die Lösung für alle Probleme. Schade, dass Le Corbusier ein Rechthaber war. Der grösste Architekt des 20. Jahrhunderts war er trotzdem. (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2018, 08:18 Uhr

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