Das schwere Los der Frau Loos

Ihr Romandebüt «Matka Boska» machte die Baslerin Cécile Ines Loos 1929 über Nacht bekannt. Jetzt liegt das Werk in einer kommentierten Neuausgabe vor.

Für die dichterin war dies das «offizielle Bild»: Cécile Ines Loos 1933 in ihrem Basler Arbeitszimmer.

Für die dichterin war dies das «offizielle Bild»: Cécile Ines Loos 1933 in ihrem Basler Arbeitszimmer.

(Bild: zvg)

«Hiermit übersende ich Ihnen, schrieb die 43-jährige Cécile Ines Loos 1927 an den Präsidenten des Basler Kaufmännischen Vereins, «mein Manuskript ‹Matka Boska›, das vielleicht meine Anschauungen enthält über Religion, Lebensverhalten, Liebe, Geld etc.» Ein literarisches Debüt wird hier von seiner Autorin annonciert, das vielfältige autobiografische Spurenelemente aufweist und ziemlich erratisch in der Schweizer Literaturlandschaft stehen wird. «Matka Boska», das polnische Wort für «Gottesmutter», bringt märchenhafte Elemente, einen mitunter fast biblischen Verkündigungston, ein empathisches Eintreten für eine neue, menschlichere Kirche und die Passionsgeschichte einer jungen Frau namens Meliska zusammen, die ihr uneheliches Kind Sanja infolge juristischer Machenschaften verliert und am Ende verzweifelt im Irrenhaus stirbt.

Das Kindermädchen Lelia Devran – selber im Waisenhaus aufgewachsen und von der Mission beseelt, die Kirche müsse den drohenden Weltkrieg verhindern – übernimmt am Ende die Rolle der Adoptivmutter und verspricht ihrem Schützling, ihn künftig von allem Bösen fernzuhalten. Angesiedelt in Polen kurz vor und während des Ersten Weltkriegs, ist der Roman eine «auf viele Figuren verteilte, verkappte Autobiografie», wie Charles Linsmayer im biografischen Nachwort bemerkt. Und tatsächlich verbirgt sich hinter diesem Hohelied auf die Mütterlichkeit das Drama einer Frau, die ihr Verhalten mit literarischen Mitteln zu rechtfertigen versuchte, weil sie ihrem einzigen Sohn nicht vor dem selber erlittenen Schicksal bewahren konnte: einer teils bei Pflegeeltern, teils im Waisenhaus verbrachten Kindheit.

86 Jahre nach der bisher einzigen Ausgabe legt der Publizist, Herausgeber und ehemalige «Bund»-Literaturredaktor das spektakuläre Debüt von Cécile Ines Loos in einer kommentierten Neuausgabe wieder vor. Linsmayers Leistung als Herausgeber vergessener oder zu Unrecht ein Randdasein fristender Schweizer Literaten des 20.Jahrhunderts ist nicht hoch genug einzustufen. Bis und mit «Matka Boska» sind seit 1979 mittels einer, wie Linsmayer seine Methode selber charakterisiert, Verbindung von «literaturhistorischer Theorie mit praktischer Editionsarbeit» in den Reihen «Frühling der Gegenwart» und «Reprinted by Huber» sowie in Einzeleditionen 44 Titel neu oder erstmals zugänglich geworden.

Das Himmelreich auf Erden

Als der Romanerstling von Cécile Ines Loos 1929 in der Deutschen Verlagsanstalt erscheint, wird er von Hugo Marti im «Kleinen Bund» enthusiastisch aufgenommen. «Endlich wieder ein grosser Wurf», hält er begeistert fest. «Endlich, in diesen Zeiten gekonnter Kleinigkeiten, ein Werk von langem Atem und von weiten Zielen.»

Der Anstoss zu ihrem Romandebüt erhielt Cécile Ines Loos in Bern, und zwar im Konflikt mit dem «sturen, herzlosen» Münsterpfarrer Albert Schädelin (1879–1961), seines Zeichens Vater des späteren Politikers Klaus Schädelin, Autor des Kinderbuch-Klassikers «Mein Name ist Eugen». In einem Brief an einen befreundeten Kulturredaktor schrieb Loos 1929, sie sei mit ihrem Kind Ende 1914 von Schädelin aus dem Haus gewiesen worden, «weil ich mich erdreistete zu behaupten, dass die Kirche eigentlich falsch handle». Über ihre Idee einer spezifisch weiblichen Kirche, die als Weltgewissen einen Weltkrieg unbedingt hätte verhindern müssen, hätten sich der Pfarrer und seine Frau «halb tot gelacht». Dieser bitteren Erfahrung verdankt Loos nach eigener Aussage auch das zentrale Motiv von «Matka Boska»: Nicht der Mensch leide, es sei vielmehr die Gottesmutter, die man leiden mache. Pfarrer Schädelin setzte Loos im Roman in der Gestalt des selbstgefälligen Pfarrers Maida ein wenig schmeichelhaftes Denkmal. Es liege in der Gesetzmässigkeit der Natur, entgegnet er Leila Devran, «dass Menschen zugrunde gehen müssten, um wieder bessere Zeiten zu schaffen».

Diese Sehnsucht nach den besseren Zeiten, von Loos in «Matka Boska» mit fast halluzinatorischen Visionen imaginiert als ein Himmelreich auf Erden mit der Gottesmutter an der Spitze – diese Gegenwelt ist ohne die inneren Nöte eines Menschen mit einem schweren Los nicht zu verstehen: 1883 in Basel als Tochter eines deutschen Organisten und einer Mutter aus dem «Daig» geboren, muss Cécile Ines Loos in ihrer Kindheit zweimal den Verlust der Mutterfigur erleben. Nach dem frühen Tod der leiblichen Mutter – der Vater starb auch bald darauf – wächst sie bei einer Pflegemutter in Burgdorf auf, die ebenfalls jung im Kindbett stirbt. Eine «böse Stiefmutter», von denen es etliche gibt im Werk von Loos, will sie alsbald nicht mehr im Haus haben. Zehnjährig tritt das Mädchen in die Waisenanstalt der Viktoria-Stiftung in Wabern bei Bern ein, die als Vorbild für die Anstalt «Bethlehemsgarten» in «Matka Boska» diente.

Aus der Bahn geworfen

Nachdem sie die neue Mädchenschule in Bern absolviert hat, begibt sie sich als Gouvernante in die Dienste deutscher und englischer Adliger. 1911 kommt in Mailand ihr Sohn Leandro auf die Welt, die Frucht eines unglücklichen Liebeserlebnisses, das sie aus der Bahn wirft. Sie kehrt in die Schweiz zurück, findet unter anderem temporär Unterschlupf bei besagtem Pfarrer Schädelin in Bern und muss ihr Kind zu Pflegeeltern geben, weil sie als Serviertochter im Restaurant Zähringerhof in der Länggasse nur ein kleines Zimmer hat. Ab 1921 ist sie wieder in Basel; ihren Sohn Leandro lässt sie nachkommen und steckt ihn zuerst wieder ins Waisenhaus.

Später ficht Cécile Ines Loos einen bizarren, pathologische Züge tragenden Kampf gegen ihren zunächst idealisierten Sohn aus, betrachtet ihn als Hindernis auf dem Weg zu einer ersehnten Partnerschaft und bestreitet gar die leibliche Mutterschaft. Ihre mütterliche Freundin Lisa Wenger nimmt im Schlüsselroman «Was habe ich mit Dir zu schaffen?» 1938 das Motiv der vertauschten Kinder auf und leistet ihren fragwürdigen Beitrag zu dieser tragischen Mutter-Sohn-Geschichte.

Cécile Ines Loos wird bis zu ihrem Tod 1959 mit etlichen weiteren Romanen («Der Tod und das Püppchen») nie mehr an den Erfolg von «Matka Boska» anknüpfen können. Stetige finanzielle Sorgen und Armenunterstützung prägen ihre letzten Jahre. Einmal wird sie unterernährt in ihrer kleinen Wohnung aufgefunden. Dank einer Sammlung von Basler Professorengattinnen kann sie die letzten drei Jahre ihres Lebens in einem Altersheim verbringen. Bei ihrer Beerdigung spricht der Basler Germanistikprofessor Walter Muschg von Cécile Ines Loos als einer der besten Dichterinnen, die die Schweiz je besessen habe. Von ihren Qualitäten kann man sich jetzt dank der Neuausgabe von «Matka Boska» überzeugen.

Cécile Ines Loos: Matka Boska. Roman. Edition «Reprinted by Huber» .Hrsg. von Charles Linsmayer. Verlag Huber, Frauenfeld. 352 Seiten, 43.90 Fr.

Performance mit Texten und Bildern von Charles Linsmayer und Vanessa Brandestini, Sonntag, 18. Oktober, 17 Uhr, Theater an der Effingerstrasse Bern.

Der Bund

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