Das Pissoir im Mondpalast

«Wahrheit»-Kolumnist Daniel Di Falco ist kein Fan der Coop-Zeitung. In dieser Kolumne geht es aber sowieso um anderes. Also, kein Problem.

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Daniel Di Falco

«Ich werde», sagt also der Vertreter der Jugend, und man muss sich die Jugend in diesem Moment sendungsvoll denken, beleuchtet von den Scheinwerfern der Kameras wie von der Zukunft, die am Horizont strahlend heraufzieht – ich also, spricht die neue Generation, «werde für die Aufbereitung von festen Abfällen und Urin zuständig sein.» Und damit nicht genug. Seine weiteren Aufgaben seien das Dreschen des Weizens und die Zubereitung des Essens, so der Student. Seine Kollegin erklärt, sie werde sich um das Labor kümmern und ihren Stoffwechsel aufzeichnen. Dann Abschied, und hinter den vier Freiwilligen schliesst sich die stählerne Tür, die erst in sechzig Tagen wieder aufgehen wird.

Willkommen im Mondpalast! So heisst das hermetisch abgeriegelte Labor an der Universität für Luft- und Raumfahrt in Peking, wo letzte Woche ein Experiment begann: Die Chinesen erproben «Lebenserhaltungstechniken» für die bemannte Raumfahrt. Einsamkeit also, aber mit allem, was man selbstversorgerisch braucht. «Menschliche Abfälle», so Chinas Auslandpresse, würden durch einen «Biofermentationsprozess» aufbereitet und in «experimentellen Anbaukulturen» verwertet. Gepflanzt werden Getreide sowie Karotten, Pilze, Tomaten und Gurken. «Die Freiwilligen werden zudem mit Mehlwürmern als Proteinquelle experimentieren.» Telefonie gibt es auch, zudem Computer und Fitnessgeräte. Nach dem ersten wird ein zweiter Trupp von Freiwilligen zu einer 200-Tage-Schicht im Mondpalast antreten.

Schlimme Vorstellung! Andererseits: bisschen chatten, bisschen chillen, bisschen Urban Gardening und neuen Food ausprobieren, alles selber gemacht, nose to tail, und zwar richtig diesmal, endlich aus dem Kapitalismus aussteigen und einen eigenen Kreislauf aufbauen – was die Chinesen machen, ist dem Hipster-Lifestyle zum Verwechseln ähnlich, mit dem mittlerweile sogar die «Coop-Zeitung» Woche für Woche unschuldige Leute terrorisiert, die nicht daran glauben, dass man die Welt erlöst, indem man sie mit einem Delikatessenladen verwechselt. Oder mit einem Gartencenter. Natürlich: China ist etwas ganz anderes. Professor Liu Hong will im Mondpalast schliesslich auch testen, «wie Astronauten psychische Probleme in einer versiegelten Umgebung lösen können». Aber psychisch versiegelt kann man sich längst auch in einer Deutschschweizer Stadt fühlen. Besucht der «Bund» zum Beispiel eine junge Frau, die auf ihrem Balkon Gemüse anpflanzt («es ist einfach fantastisch, man kocht etwas, und die Zutaten wachsen ein paar Meter nebenan»), dann beklagt sich die Prinzessin auf der Erbse öffentlich über jene Nachbarn, die auf ihrer Terrasse nichts anpflanzen wollen («schade um den Platz»).

Womöglich ist in China eben doch nicht alles so schlimm. Immerhin beschränkt sich der Staat dort darauf, Sofas lediglich für Laborexperimente aufzustellen; die Wohnkabine des Mondpalasts misst 42 Quadratmeter. In Bern dagegen soll die ganze Altstadt mit Sonnenschirmen und Sitzgelegenheiten möbliert werden. Das empfiehlt eine Studie, und Tiefbaudirektorin Wyss ist ganz enthusiasmiert vom Vorschlag, den öffentlichen Raum zum «erweiterten Wohnzimmer» zu machen. Als wäre es nicht einst die Utopie genau dieses Raums gewesen, dass er seinen Benutzern viele Möglichkeiten lässt, ihn zu benutzen. Ein Wohnzimmer haben sie ja schon.

Und dann will die Stadt ja auch «Bio-Pissoirs für Nachtschwärmer» testen. Sicherheitsdirektor Nause findet die «äusserst innovativ», denn offenbar sind das Kübel, in denen Blumen in einer Strohmischung wachsen, und das ergibt einen prima Kreislauf, denn das uringetränkte Material wird zu Kompost, und der wird wieder für die Pflanzen verwendet. Genau so etwas nennen die Chinesen «bioregeneratives Lebenserhaltungssystem». Vielleicht täuscht der Eindruck, aber wahrscheinlich leben wir schon längst in einem Mondpalast.

Der Bund

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