Das hässliche Disneyland

Der Graffiti-Künstler Banksy hat in England eine bitterböse Gesellschaftssatire als Themenpark inszeniert. Das «Dismaland» ist harte Kost.

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Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Ein Gutes hat der neue Freizeitpark schon mal, der jetzt im west­englischen Badeort Weston-super-Mare für rund fünf Wochen seine Tore öffnet. Der Eintritt ist, mit drei Pfund pro Nase, einiges billiger als der zu Disneyland oder Euro-Disney.

Andererseits offeriert Westons Amusement-Gelände seinen Besuchern auch nicht gerade die perfekte Traumwelt, die sie bei Micky Maus & Co. erwarten können. Das legt schon der Name Dismaland nahe. «Dismal» steht für «trostlos». Und Dismaland verkauft sich als «die enttäuschendste neue Besucherattraktion im ganzen Vereinigten Königreich». Es sieht sich als «Familien-Freizeitpark, der für Kinder ungeeignet ist». Seine in rosa Warnwesten gekleideten Helfer begrüssen die Kundschaft in tiefer Depression statt mit professionellem Enthusiasmus – gleichsam als Billiglohn-Mäuse im Unterhaltungskäfig. Und die Depression teilt sich dem Besucher des ummauerten Geländes schnell mit.

Parodie auf Disney

Hier ein verrottetes Schloss, vor dem das Zerrbild der Kleinen Seejungfrau verloren vor sich hin starrt. Dort ein Burggraben, in dem Abfall treibt und ein zur Rutsche umgebauter Armee-Panzerwagen aus den Zeiten der nord­irischen Troubles abgestellt ist.

Ein kleines «spassiges Modell-Städtchen» mit 3000 Polizisten ist zu bewundern, nach innerstädtischen Krawallen. In einem Kasperlitheater geht es vor allem um Pornos und Kindsmissbrauch. Und auf schwarzen Ballons steht: «Ich muss ein totaler Idiot sein.» Das Ganze, wird schnell klar, ist nicht nur eine Parodie auf Disney (dessen Anwälten der Zutritt zu Dismaland auf einem Schild ausdrücklich verboten ist). Es ist eine herbe, hochintelligente Gesellschaftssatire. Kein Wunder: Der Dismaland geschaffen hat, ist Banksy, der berühmte Graffiti-Künstler, der aus dem nahen Bristol stammen soll, dessen Identität aber bis heute umstritten ist.

4000 Besucher am Tag

Banksy jedenfalls, hört man aus Weston, habe im Januar bei einem Spaziergang das fast achtzig Jahre alte, vor längerem stillgelegte Freizeitbad Tropicana wieder entdeckt – und 58 Künstler zu einer gemeinsamen Aktion für diesen Spätsommer in Somerset gewonnen. Die Arbeiten wurden klammheimlich ausgeführt. Ein Gerücht wurde gestreut, man baue das Gelände für Filmarbeiten um. Selbst im Gemeinderat von Weston wusste offenbar keine Handvoll Räte Bescheid.

Nun aber, nachdem das Geheimnis gelüftet wurde, werden 4000 Besucher am Tag erwartet. Banksy selbst hat zehn Werke beigesteuert, darunter das marode Schloss «Cinderella’s Castle», in dem man «sehen kann, wie sich eine echte Prinzessin so fühlt». Drinnen hat leider die von Pferden gezogene Kürbis-Kutsche einen schweren Unfall erlitten. Cinderella hängt leblos aus dem Kutschenfenster, und behelmte Paparazzi mit Kameras und Teleobjektiven blitzen wild drauflos. Anschliessend wird einem ein Foto zum Kauf angeboten, auf dem man sich selbst verlegen grinsend am Schloss-Eingang wieder findet – mit der Kutschenszene im Hintergrund, von der man, als die Aufnahme gemacht wurde, nichts gewusst hat.

Scharf, unerbittlich und so intellektuell erfrischend wie immer ist, was Banksy und seine Mitstreiter in Dismaland versammelt haben. In einem speziell für Kinder reservierten Spielplatz wird Minderjährigen ein Dar­lehen auf noch ausstehendes Taschengeld geboten. Um das Kleingedruckte mit dem Zinssatz von 5000 Prozent lesen zu können, müssen die Kinder allerdings erst auf einem Trampolin auf und ab hüpfen.

Grössere Themen wären gefragt

Anderswo kann man für eine Pfund-Münze ein ferngesteuertes Modellboot in Bewegung setzen, das vollgestopft ist mit winzigen, grauschwarzen Flüchtlingen, und das zwischen Leichen und Müll vor den Kreidefelsen von Dover schippert. Einen Landeplatz für das Boot gibt es nicht. Es fährt so lange im Kreis, bis das Pfund verfahren ist und man das Interesse verliert an der Szene.

Und was ist nun das Thema dieses Themenparks? «Vielleicht, dass Themenparks grössere Themen haben sollten», sagt Banksy. Allerdings wäre der Graffiti-Künstler auch schon zufrieden, wenn die braven Bürger von Weston bei der Betrachtung all dieser Kunst einfach wieder einmal scheusslich schöne Sommertage verbringen könnten – «und noch einmal in Dreckwasserlachen herumstehen und vor der Geräuschkulisse greinender Kinder kalte Fritten essen würden».

Tages-Anzeiger

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