Das Geschrei der Natur (als Emoji)

Kommunikation ist schwer. Darum aktualisiert «Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel ihr Handy nicht mehr.

hero image
Xymna Engel

Was mussten die armen Gemälde bereits durchmachen: Erst vermutete man auf dem ältesten von ihnen Vogelkot (es war bloss Wachs). Zwei andere wurden aus ihren Museen geklaut und nicht gerade zimperlich behandelt. Für eines setzte die Firma Mars sogar eine Belohnung von zwei Millionen M&M aus. Dann verharmlosten Meteorologen den teuflisch roten Himmel auf den Bildern mit der Erklärung, es handle sich hier um Perlmuttwolken – ein Instagram-taugliches Wetterphänomen.

Und unlängst verkündete das British Museum auch noch das: «Der Schrei» schreit gar nicht. Edvard Munch fertigte zwischen 1893 und 1910 verschiedene Versionen seines berühmtestens Bildes an, mit dem der Expressionismus seinen Anfang nahm. Die Person auf der Brücke also, die angstvoll das Gesicht verzieht und ihre Hände an die Ohren legt, hört bloss einen Schrei, der aus der Natur kommt. Dies beweise eine lithografische Version von «Der Schrei», auf deren unterem Rand steht: «Ich fühlte das grosse Geschrei durch die Natur.»

Nicht, dass diese Nachricht die Kraft dieses Bilds mindern würde. Viel einschneidender als für Kunsthistoriker ist diese Erkenntnis nämlich für eine ganz andere Per­so­nen­gruppe: die Handybenutzer. Denn blöderweise hat sich «Der Schrei» bereits in unserer digitalen Welt ein­geschrieben: als Emoji. Nur haben wir es bis jetzt offensichtlich völlig falsch benutzt. Wer es in Zukunft verschickt, sagt also nicht, dass er selbst schreien will, etwa über ein ausge­laufenes Joghurt im Rucksack, sondern vielmehr: «Ich fühlte das grosse Geschrei durch das ausgelaufene Joghurt.»

Überhaupt scheint sich in der Welt der bunten Bildchen in letzter Zeit immer mehr unsere eigene zu spiegeln. Denn umso bildhafter die ursprünglichen Piktogramme werden, desto lauter wird der Ruf nach Diversität. So gibt es etwa ein Rotweinglas, aber kein Weissweinglas. Es gibt keine rothaarigen Bräute. Es gibt einen dunkelhäutigen Polizisten, aber keinen weissen Mann mit dunklen Haaren. Es gibt mehrere Katzen-Emojis. Aber kein Siamkatzen-Emoji, ganz zu schweigen von einem Chantilly-Tiffany-Emoji. Und es dauert vermutlich nicht mehr lange, bis Feministinnen ein Menstruations-Emoji fordern und die Klimajugend ein Kaputte-Erde-Emoji (falls sie vorher nicht das Schrei-Emoji adoptieren).

Und dann auch noch all diese kulturellen Missverständnisse! Was bei uns im Westen als High-Five-Emoji gilt, steht in Japan, wo die ersten Emojis erfunden wurden, für gefaltete oder betende Hände. Oder das Emoji mit dem blauen Tropfen, welches wir als Träne oder Schnupfen interpretieren, bedeutet in Japan Schlafen. Was also tun? Den Tropfen entfernen? Dies würde dann aber wiederum die Bedeutung für die Japaner verändern. Wir brauchen bestimmt bald Emoji-Übersetzungsmaschinen.

Aber sollten die Emojis ursprünglich nicht die Kommunikation einfacher machen? Ich persönlich habe für dieses Problem eine einfache Lösung: Ich habe aufgehört, mein Handy zu aktualisieren. Wenn mir also jemand ein Emoji schickt, welches mein Handy nicht kennt, erscheint auf meinem Display folgendes Symbol, und das ist unmissverständlich: ?.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt